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Der Weimarer Zwiebelmarkt

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Einmal im Jahr liegt ein besonderer Duft über Weimar,  die Altstadt verwandelt sich in den größten Markt der Region - und es geht mal nicht um Goethe und Schiller, sondern um Braunschweiger Dunkelblutrote und Stuttgarter Riesen. So heißen die Zwiebeln, die man für eine perfekte Rispe - nur der Laie sagt Zopf - braucht. An rund 100 Ständen werden sie verkauft - und zwar von denjenigen, die sie angebaut haben!

Über dem Markttreiben, das sich am zweiten Wochenende im Oktober durch die Stadt zieht, hängt das würzige Aroma von allerlei Knollen - und Zwiebelkuchen. Wir tauchen ein!

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Seit Jahrzehnten sind sie in Weimar mit von der Partie: Die Pfaus aus Heldrungen, dem Städtchen der Zwiebelbauern rund 50 Kilometer von Weimar entfernt. Großmutter Elfriede, liebevoll "die Kommandeurin" genannt, ist 78, auf den Markt fährt sie trotz der Strapazen immer noch. Elfriedes Sohn Heiko war schon als kleiner Junge in Weimar mit dabei. Mit seinem Sohn Christopher flicht er Wochen vor dem Markt rund um die Uhr Rispen. Ines Pfau, eigentlich studierte Handelsökonomin, heiratete vor 30 Jahren ein in die "Zwiebeldynastie" und erklärt:

"Wenn man mich fragt: 'Warum macht ihr das an einen Zopf?' Dann sage ich: Es ist eine Rispe, es ist eine Tradition! 'Warum soll ich eine Rispe kaufen und keinen Sack Zwiebeln?'  Dann sage ich immer: Weil es andere Zwiebeln sind. Die werden mit Liebe das ganze Jahr angebaut. Die werden luftgetrocknet. Die haben ihre Reife, die haben ihre Lagerzeit."

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Von Anbeginn des Weimarer Zippelmarktes kommt das Gros der Zwiebeln aus der Gegend um Heldrungen im Kyffhäuserkreis. In der guten Erde gedeihen nicht nur die würzigen Knollen prächtig. Ganze Familien lebten dort über Generationen vom Gemüseanbau, von Zwiebeln und Rispen, mit denen sich schon Goethe auf dem Markt vor seiner Haustür am Frauenplan eindeckte: "für 14 Pfennig für das ganze Jahr"!

Harte Arbeit für wenig Geld - und heute eher ein Nebenerwerb. Nur wenige Familien pflegen die Tradition des Rispen- und Strohblumenflechtens noch so wie die Pfaus.

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Dass Zwiebelbauern wie die Pfaus auf die Idee kamen, ihre Zwiebelrispen mit Strohblumen aufzupeppen, war - wie so oft in der DDR - dem Mangel geschuldet, erzählt Elfriede Pfau, während sie eine Woche vor dem Zwiebelmarkt nur einen Steinwurf weit vom Haus ihres Sohnes entfernt, die beliebten Sträuße flicht.

In Zeiten magerer Zwiebelernten - so wie im Jahr 1976 als Elfriedes Enkelin geboren wurde, aber leider auch der Engerling die Zippeln fraß - kamen die Rispen dann gleich ansehnlicher daher. Sträuße im Winter frisch aus der Gärtnerei waren eine Rarität, Strohblumen aber gab es zuhauf.

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Um auf dem Zwiebelmarkt in Weimar verkaufen zu dürfen, brauchten die Heldrunger Bauern zu DDR-Zeiten jedes Jahr eine neue Genehmigung und zwar von ganz oben. Oft wurde die erst in letzter Minute erteilt, erinnert sich Elfriede Pfau (Foto, r. mit ihrem Mann), die stolz darauf ist, dass ihre Familie den privaten landwirtschaftlichen Betrieb über die Zeiten rettete:

"Ja, ich kann mich noch erinnern, dass es damals eines Abends an der Tür klopfte. Ich machte auf und vor mir standen Männer mit schwarzen Hüten und langen Mänteln. Ich dachte Stasi! Mein Mann versteckte sich gleich im Haus. Aber erleichtert stellten wir dann fest, es waren Funktionäre aus Weimar, die in Berlin eine Genehmigung eingeholt hatten, dass aufgrund der Missernte in Erfurt, Heldrungen ein extra Kontingent liefern durfte und so haben wir damals den Zwiebelmarkt gerettet!"

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Als "Viehe- und Zippelmarckt" vor mehr als 360 Jahren gegründet, überdauerte das bunte Treiben noch jede Missernte, sogar Kriege, politische Umbrüche und Umdeutungen der Tradition.

Die Nazis bemühten Freya, die germanische Göttin, und machten auf dem Frauenplan eine germanische Kult- und Weihestätte aus, wo stets im Herbst ein Fest gefeiert worden sei. Mit vielen Zwiebeln. Ab 1941 war es damit mangels Ware vorbei. 

Die DDR richtete eine Art sozialistische Kirmes aus. Der Zwiebelmarkt wurde zum überregional bekannten Fest. Ines Pfau war schon als Kind beeindruckt: "So viele Menschen auf einem Haufen, so frei, so locker, das war wunderschön!" Ute Freudenberg schwärmt : "Das war eine Atmosphäre, unfassbar!"

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Ute Freudenberg erlebte den Zwiebelmarkt nicht nur als Besucherin, sie studierte in ihrer Heimatstadt Gesang und mit ihrer Band "Elefant", die sich 1976 in Weimar gründete, spielte sie dort. Mit ihrem Hit "Jugendliebe" wurde sie 1978 in der DDR zum Star. Bis zu ihrer Ausreise im Jahr 1984 ließ sie sich die Auftritte auf dem Zwiebelmarkt trotzdem nicht nehmen.

"Das war schon eine bunte Mischung und für eine kleine Stadt wie Weimar schon geradezu weltläufig: Bands, Bier, Zwiebelzöpfe - und natürlich auch der Zwiebelkuchen."

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Waren Zwiebelzöpfe bei den Besuchern schon heiß begehrt, gab es um den Zwiebelkuchen in Weimar zu DDR-Zeiten eine wahre Schlacht, erinnert sich Bernd Rost, der quasi aufgewachsen ist in der Backstube der Familie und miterlebte, wie die Belegschaft in den Tagen vor dem Markt "vor sich hin heulte".

War früher die Zubereitung der wichtigsten Zutat eine Tortur, bekommt der Bäckermeister die Zwiebeln heute bereits geschält angeliefert. Zu DDR Zeiten wäre an solch' einen Luxus nicht zu denken gewesen.

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Seit 1926 wird bei den Rosts in der Schützengasse Zwiebelkuchen gebacken - und der gehört zum Zwiebelmarkt wie die Hefe in den Teig. Verraten will Bernd Rost über das Geheimrezept der Familie nur so viel:

"Der Teig für den Zwiebelkuchen muss glatt sein und das schafft die Maschine nicht. Mit der Hand muss der Teig ordentlich geknetet werden. 'Rundwirken' nennen wir das - sieht einfacher aus, als es ist und als Lehrling verzweifelt man daran. Aber ich hatte gute Lehrmeister, meinen Vater und natürlich meinen Großvater."

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Wie seit anno 1926 wird bei den Rosts kurz vor dem Zwiebelmarkt im Akkord gebacken: Zwiebel- aber auch Speckkuchen - und mit einem Ofen, der vermutlich der älteste in Weimar ist. Bernds Vater hatte ihn ergattert: "In der Nacht vor Beginn der Olympischen Spiele 1976 wurde der Zyklothermofen bei uns eingebaut." Ein Umluftofen und ein Lizenzprodukt aus dem Westen. Damit waren die Rosts ganz vorn.

"Ohne diesen Ofen würde es unser Traditionsgeschäft nicht mehr geben, ist sich Bernd Rost sicher. "Das ist noch altes Handwerk, so wie wir selbst es pflegen. So lange meine Frau und ich hier backen, bleiben wir bei diesem alten Stück."

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Heute ist der Zwiebelmarkt natürlich auch noch ein großes Fest mit immerhin ca. 300.000 Besuchern. Zu DDR-Zeiten, Ende der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre aber "kamen sie wirklich alle", erinnert sich Claus Bach, der damals in Weimar Architektur studierte, am liebsten aber mit der Kamera durch die Stadt streifte, besonders zum Zwiebelmarkt: "Die Hippies waren da, genauso wie Soldaten der sowjetischen Streitkräfte,  Familien, Alte, Junge."  

Die Jungen lagen auf den Wiesen, tranken Bier und sangen Bob Dylan.  Genächtigt wurde auch schon mal in der Toreinfahrt von Bäcker Rost oder auf der Wiese. 1978 war es vorbei mit dem Gefühl von Freiheit auf dem Zwiebelmarkt. Grün- und Parkanlagen wurden extra ordentlich gewässert und als "Gammler" ausgemachte erhielten "Weimarverbot".

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Für Ute Freudenberg ist der Zwiebelmarkt pures Heimatgefühl. Nach der Wende kehrte sie zu ihrem ersten "Heimspiel" in die Stadt zurück. Eines Morgens im Oktober 1995 stand sie frühmorgens um neun Uhr auf dem Zwiebelmarkt und stimmte "Jugendliebe" an. Die Leute heulten. Damals entschied sie sich spontan, in ihre Heimatstadt zurückzukehren

"Jeder, der jemals aus Weimar weggegangen ist, kommt zum Zwiebelmarkt in seine Heimatstadt und ist einfach da, genau aus diesem Grund, um diese Emotionen wiederaufzunehmen, um Menschen zu treffen, die einen ein Leben lang begleitet haben um, um dieses Heimatgefühl zu haben."

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Der Zwiebelmarkt hat im Laufe Zeiten die ganze Innenstadt erobert. Nicht nur am Frauenplan - vor Goethes Haustür sozusagen - oder in der Schillerstraße, die traditionell den Heldrunger Zwiebelbauern vorbehalten ist, herrscht buntes Treiben.

Im Archiv zur Stadtgeschichte findet sich ein Schreiben des Rates der 5.000-Seelen-Gemeinde an Wilhelm IV. vom 27. Mai 1653, mit der Bitte um die Erlaubnis, die erste Erwähnung des "Zippel- und Viehmarcktes". Der Herzog willigte am 4. Oktober ein - zur Freude des Rates, bedeutete ein Markt doch immer schon Einnahmen für die Stadtkasse.

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Zwiebeln, aber auch Sellerie-Knollen, Porree und Majoran-Sträuße türmen sich hier an den Ständen der Gemüsebauern. Das war freilich nicht durch alle Zeiten so. "Zwiebelmarkt ohne Zwiebeln" beginnt Goethe einen Tagebuch-Eintrag am 12. Dezember 1806. Weimar ist durch napoleonische Truppen besetzt.

Auch im Oktober 1917 fällt der Zwiebelmarkt aus, 1919 gerät er höchst ärmlich. 1923 kostet ein Pfund Zwiebeln wegen der Inflation 60 Millionen Mark.

Die Nationalsozialisten versuchen, das bunte Treiben um die Zwiebel mit Freya und einem germanischen Ritus in Verbindung zu bringen. Nützt nichts. Ab 1941 schlägt die Mangel- und Kriegswirtschaft voll durch. Der Markt ist aus.

Quelle | Harry Thürk: Zwiebelmarkt 

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Im Oktober 1949 fand der erste Nachkriegs-Zwiebelmarkt statt, was damals vor allem dem Engagement des Weimarer OB Hermann Buchterkirchen zu verdanken war.

Er lud die Heldrunger Zwiebelbauern direkt ein, auf den Markt zu kommen und vereinbarte im Jahr darauf "mit der Landwirtschaftsbürokratie, die das Ablieferungssoll überwachte, dass (...) die dort (auf dem Markt) angebotene Menge aufs Soll angerechnet wurde".

Quelle | Harry Thürk: Zwiebelmarkt

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Die DDR sieht im Zwiebelmarkt eine sozialistische Kirmes. Die Stadtoberen nehmen ihn im Oktober 1963 in den "Plan zur Entwicklung des sozialistischen Kulturlebens" auf.

Jetzt startet nicht nur der Buden-, sondern auch der  Bühnenzauber mit Konzerten. Der Zwiebelmarkt wird zum überregional bekannten Fest.

Quelle | Harry Thürk: Zwiebelmarkt

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Dass im Oktober 1966 der arbeitsfreie Sonnabend eingeführt wird, erhöht den Besucherstrom. Es wird voll.

Inzwischen hat die Schülerin Anita Schleicher das Zwiebelinchen als Maskottchen entworfen, später kommt Zippel dazu und der legendäre Fernseh-Fischkoch Rudolf Kroboth kocht 1967 auf dem Markt. 15.000 Zwiebelzöpfe werden verkauft.

1971 gibt es mit 120.000 Besuchern aus dem In- und Ausland einen Rekord.

Foto: Claus Bach / Quelle | Harry Thürk: Zwiebelmarkt

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Inzwischen hat sich rumgesprochen, dass in Weimar ein Fest gefeiert wird über drei Tage, mit Bands und Bier und Freizügigkeit. Außerdem gibt es Sachen zu kaufen, die  sonst knapp waren.

Der Weimarer Fotograf Claus Bach mischt sich damals unters Volk. Er sagt: "Alle kamen" und hängten sich eine Rispe um, von der Oma bis zum Hippie.Bis sich die Zeiten änderten und den Ordnungshütern angesichts des Auflaufs unheimlich wurde.

1978 begannen sie Parks- und Grünanlagen zu wässern, Verdächtige erhielten "Weimar-Verbot".

Foto: Claus Bach


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Die DDR erlebt gerade noch ihren 40. Geburtstag im Oktober 1989, am Vorabend des Zwiebelmarktes kommt es zu einer Protestveranstaltung im Deutschen Nationaltheater.

1990 wird dann gleich eine Zwiebelkönigin gewählt. 1992 wickeln Heldrunger Zwiebelbauern die längste Rispe der Welt: 6,5 Meter lang ist sie, 75 Kilogramm Zwiebeln stecken drin.

1993 wird ein 21,42 Meter langer Zwiebelkuchen auf dem Theaterplatz ausgelegt, "der schon am Sonnabendnachmittag vollkommen verzehrt ist.

Foto: Claus Bach / Quelle | Harry Thürk: Zwiebelmarkt 

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