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Die Finkenfluesterer

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Hier hat fast jeder einen Vogel, genauer einen Buchfinkenhahn: Nirgendwo sollen sie schöner singen - im Harzer Dialekt. In der Natur ist der längst ausgestorben. Finkenflüsterer wie Dieter Spormann und Horst Rieche züchten deshalb Buchfinken und bringen ihnen die alten Gesänge bei.

Beim Finkenmanöver am Pfingstmontag treten die Herren dann an mit ihren "Meistersingern". Vor Publikum! Wir begleiten sie auf ihrem Weg auf die Festwiese. Kommen Sie mit!

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Seit dem 15. Jahrhundert gibt es Finkenwettstreite im Harz, mindestens so lange wie Köhlerei, Bergbau und Hüttenwesen in der waldreichen Region. Die Bergleute nahmen die Buchfinken mit unter Tage, weil sie schlagende Wetter - also Luftdruckunterschiede - wahrnehmen konnten.

Bei Gefahr hörten die Vögel auf zu singen und gaben dem Bergmann so das Zeichen, aufzusteigen, um sich in Sicherheit zu bringen.

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"Was dem Jäger das Wild /
Was dem Maler das Bild /
Was dem Reichen des Goldes Klang/
Ist mir der Fink und sein Gesang."

In diesem Vers, den in Beneckenstein jeder kennt, ist gesagt, was die Finken damals für die bitterarmen und schwer arbeitenden Leute im Harz waren: Freude und Ablenkung von der Fron.

Noch heute schmückt der Vers einige der weißen Tücher, mit denen die Vogel-Bauer beim Finkenmanöver verhüllt sind.

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Der Luftkurort Benneckenstein, 500 Meter hoch gelegen, ist einer der schönsten im Harz. Seine Geschichte ist untrennbar mit dem Buchfinken verbunden. Verwunderlich, dass der Vogel nicht namensstiftend war, sondern folgende Begebenheit:

In grauer Vorzeit soll eine alte Frau, die am Wegesrand auf ihrer Kiepe schlief, von einem ahnungslosen Jäger als Sitzgelegenheit benutzt worden sein. Nachdem der sich, in der Annahme, er setze sich auf einen Stein, es sich bequem gemacht hatte, schrie die Alte empört: "Benn eck en Stein?!"

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In Benneckenstein ist nichts älter als die Tradition der Finkengesänge. Selbst die ehrwürdige St. Laurentiuskirche ist jünger. Seit rund 130 Jahren wird auf einer Festwiese das Finkenmanöver ausgerichtet, das mit einem Volksfest bei Pfingstfeuer und Pfingstwurstessen ausklingt.

Der Brauch, der noch in acht anderen Orten des Harzes gepflegt wird, steht seit 2014 auf der UNESCO-Liste für das Immaterielle Kulturerbe. Allerdings pflegen es nur noch rund 50 Finkner.

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Wenn die Frühlingszeit kommt, freuen sich die Finkenfreunde im Harz. Denn dann geht es wieder los mit dem Gesangsunterricht ...

Horst Rieche (65)  ist seit mehr als 30 Jahren Finkner. Als kleiner Junge zog er mit einem alten Kuhhirten los, der ihm die Gesänge der Waldvögel, auch der Finken beibrachte. Daraus wurde eine Passion.

Der inzwischen pensionierte Kfz-Meister aus Hasselfelde ist heute Vizechef der "Vereinten Buchfinkengilde Harz“ - ein Zusammenschluss der ehemaligen Landesgruppe Ostharz mit der Gilde in Niederachsen/Oberharz, und bemüht sich, den Brauch am Leben zu halten.

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Überdauert hat die Finkner-Tradition nahezu alles in Benneckenstein, auch zu DDR-Zeiten als der Ort, gelegen im Grenzgebiet, im Visier der Sicherheitsorgane war.

Damals gehörten die Finkner organisatorisch gesehen zum Kulturbund, wurden finanziell unterstützt mit stolzen 500 Mark im Jahr. Anders als heute durften sie einen Fink im Jahr fangen. Das ist heute nicht mehr erlaubt, deswegen betreiben Finkner wie Horst Rieche heute die Zucht.

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Dieter Spormann (66) ist Finkner und Kampfrichter beim großen Finkenmanöver. Seine Passion für die Finken geht auf die Kindheit zurück.

Seine Eltern zogen nach dem Krieg in den Westen, doch die Ferien verbrachte er als Junge bei den Großeltern und den Finken in Benneckenstein. Bis die Mauer kam. Nach der Wende kehrte Dieter Spormann mit seiner Frau in seine Heimat im Ostharz zurück. Heute lebt der pensionierte Beamte direkt am Waldrand - so kann er die Vögel besser hören ...

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Dieter Spormans Vater war nicht nur ein erfahrener und erfolgreicher Finkner. An den Wochenenden ging er mit den Kindern in den Wald - sobald sie einen Finkenkäfig tragen konnten - meistens in der Gruppe mit anderen Finkern aus der Straße.

Zudem war er auch ein passionierter Sportler. In Vorbereitung der Olympiade 1936 kamen die Gewichtheber, Ringer und Boxer zum Training nach Benneckenstein - auch Max Schmeling - sein Idol.

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Die Ehrenbürgerschaft von Benneckenstein bekam Max Schmeling nach seinem Sieg über Joe Louis bei der Olympiade 1936 angetragen. Das beeindruckte den Boxer so, dass er in Verbindung blieb mit dem kleinen Ort im Harz und 1993 zu einem Besuch wiederkam.

Der Ort stand nicht nur wegen der prominenten Sportler im Fokus der Nazis. Sie wollten die Finknerei als Reichsbewegung organisieren, scheiterten aber am regional sehr unterschiedlichen und vielfältigen Dialekt - der Vögel.

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Das Training

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Wenn der Frühling kommt, steigt bei den Buchfinken-Hähnen der Hormonspiegel, sie beginnen zu singen  - allerdings nicht mehr im Original Harzer Finkendialekt. Den gibt es nur noch als Tonkonserve. Dieter Spormann praktiziert seinen Gesangsunterricht mit einer Rundfunkaufnahme aus den 1930er-Jahren.

Alle Fenster und Türen im Hause Spormann bleiben dafür von März bis Mai geschlossen, damit die Vögel kein fremder Laut ablenkt. Außerdem sind die Käfige weiß verhüllt.

Nicht nur "Hansi", sondern noch vier weitere Anlernlinge lernen so beispielsweise den Tiefen Harzer Groben - damit wären sie in der Disziplin des Schönheitssingens beim Finkenmanöver weit vorn.

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Seit drei Jahren trainiert Horst Rieche den Wisgrobe. Dazu wechselt der Buchfink aus der Voliere in den Gesangskäfig - heute ist er weitaus komfortabler als früher - mit einer Größe von 50x40x30 Zentimetern.

Doch warum singt der Buchfink überhaupt in einem verhüllten Käfig? Er begreift ihn als sein Revier, das er lautstark verteidigt.

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Horst Rieche singt übrigens  selber, nicht im Käfig, sondern im Männerchor. Seit über 50 Jahren. Er glaubt, dass das auch seine Buchfinken merken. Zumindest kann er selber besser hören, wie gut sie die klassischen Harzer Gesänge beherrschen.

Zum Training gehört übrigens noch ein kleiner Stresstest: Auch mit einem Standort-Wechsel per Auto muss der Vogel klarkommen.

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Während die Anlernlinge von den Geräuschen der Außenwelt isoliert werden, gehört für die Fortgeschrittenen, wie Dieter Spormanns Fink Hansi, die die Harzer Gesangsdialekte bereits beherrschen, der tägliche Waldspaziergang zum Training.

Der Käfig bleibt allerdings weiter verhüllt.  

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"Pink, pink" - so geht der namensgebende Lock- oder Alarmruf des Buchfinken. Horst Rieches Vögel aber sind Kunstliedschaffende.

"Blockspiepe" oder "Putzerbart" lässt er seine Finken im Wald vortragen. Wie das die wilden Artgenossen finden? "Sehen Sie den Buchfink dort sitzen? Den ärgert das schon hier!"

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Auf der Festwiese in Benneckenstein herrscht immer am Pfingstmontag Trubel. Vogelfreunde aus allen Ecken des Harzes kommen zum Finkenmanöver. Schon Tage zuvor laufen die Vorbereitungen:

Für den Wettstreit werden Bänke mit Ablagebrettern in Brusthöhe aufgestellt. Darauf werden später die Vogelbauer vor dem Wettkampf gestellt, alle anderthalb Meter einer, gemessen von der Käfigmitte . Geschmückt werden die Streben mit frischem Birkengrün.

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Familien, Freunde und Vereine sammeln Tannenzweige fürs Pfingstfeuer, in denen später die Pfingstwürste garen sollen, wenn die Wettkämpfe gelaufen sind.

Die Zweige werden zu Haufen aufgeschichtet - und sogar mit dem Namen der Familie versehen.

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Am Pfingstmontag nach Sonnenaufgang ist alles bereit: Zehn Minuten wird den Finken zum "Einsingen" gegönnt, dann - pünktlich sechs Uhr - beginnt der Wettkampf mit der ersten Disziplin, dem Schönheitssingen ... 

Horst Rieche ist als Kampfrichter und Teilnehmer dabei. Hier inspiziert er, ob beim Finkenschlagen alles seine Ordnung hat.

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Falls Sie mal Finkisch für die Disziplin Schönheitssingen probieren möchten: So sieht die Partitur bzw. das Schallspektrogramm aus, wenn ein Fink perfekt den "Reiterspazier" singt. Sogar die Tonlage ist definiert.

Reiterspazier, Putzebart, Grober Bertram - woher all diese Namen kommen, das wissen auch die Finkner nicht genau.

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Das Finkenmanöver 2016 - wir Camper erinnern uns - beginnt leider nicht bei strahlendem Wetter und bei nur mäßigen Temperaturen.

Dieter Spormanns heißer Favorit für den Schönheitswettbewerb geht erst gar nicht an den Start. Hansi ist indisponiert und singt nicht mehr. Der Finkner trägt es mit Fassung und nimmt nun noch seine Funktion als Kampfrichter beim Schönheitssingen der anderen war.

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Auf Kommando treten alle Finkenfreunde einen Schritt nach rechts zum nächsten Vogel-Bauer auf den langen Bohlen. Denn niemand soll seinen eigenen Vogel bewerten. In der Hand halten sie ihre Stimmzettel und einen Stift und warten darauf, dass die Finken mit ihren "Schlägen" beginnen. Gemeint ist damit die komplette "Melodie".

300 bis 400 "Schläge" in einer halben Stunde - das schaffen die Besten! Doch Horst Rieches Favorit verpasst den Einsatz, schweigt und frisst.

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Beim Stark- oder Kreissingen geht es ums Durchhalten. Die Käfige werden im Abstand von einem Meter auf dem Boden abgestellt. Nach fünf Minuten scheiden die Finken, die nicht mehr singen, aus. Die Käfige der anderen werden in Kreisform immer enger zusammengestellt.

In bis zu fünf Runden setzt sich der Buchfink durch, der sich nicht irritieren lässt und seinen Gesang, also eine bestimmte "Melodie", so oft wie möglich, durchhält. 

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In der Starkklasse läuft Horst Rieches Schützling erst gegen Ende zu großer Form auf, ein vierter Platz ist das Resultat. Wenn der Wettkampf nur noch eine Minute länger gedauert hätte ...


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Wenn der Wettkampf vorüber ist, geht es um die Wurst - die Pfingswurst.

Die Tannenzweige, die Familien, Freunde oder Vereine zuvor zu Haufen zusammengetragen haben, werden angezündet.

Erst in der Tannenglut  werden die Pfingswürste dann in einem Jahr für Jahr gleichen Prozedere "gegrillt".

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Einen Grill braucht hier keiner. Die Pfingstwurst wird gut eingepackt. Erst in Butterbrotpapier, dann in Zeitung, "traditionell die "Magdeburger Volksstimme". Der "Roller" wird anschließend kurz in Wasser getunkt und dann in der Tannenglut im eigenen Saft gegart.

Nach 20 bis 30 Minuten sollte sie so schmecken: "Schweinelecker!"

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Benneckenstein ohne Finkenmanöver, das wäre für viele in der Gegend wie der Harz ohne Roller. Was Tierschützer kritisieren, bedeutet für andere ein Stück Heimat und auch Verbundenheit mit der Natur.

Etwa für Horst Rieches Sohn Jan, der heute in Australien lebt. Immer zu Pfingsten kommt er zum Finkenmanöver nach Hause. Wie lange noch, das ist ungewiss. Nur noch rund 50 Finkner gibt es heute in der Harzregion, die den Brauch pflegen, der 2014 von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe erklärt wurde.

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Pfingswürste werden nur für das Fest nach dem Finkenmanöver und ausschließlich im Harz hergestellt. Jeder Fleischer hat da sein eigenes Rezept - so  auch Fleischermeister Erwin Fessel in Ilfeld. Mit seinem Sohn Hendrik führt er heute den Betrieb, den es schon seit 80 Jahren gibt.

Zwischen 3.000 und 5.000 Würste stellen die Fessels in der Zeit vor Pfingsten her. Wie genau, das bleibt ein Familiengeheimnis. Ein paar Einblicke waren erlaubt.

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Neben dem guten Fleisch sind die speziellen Gewürze für eine leckere Pfingstwurst entscheidend. Fleischermeister Fessel verrät nur, dass Pfeffer und Salz dran gehören.

Die Rezeptur, die Hendrik gerade befolgt, stammt von seinem Uropa. Nicht mal niedergeschrieben wurde sie: "Die ist nur in meinem Kopf - und in dem meines Vaters und meiner Oma."

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Nachdem das gewürzte Fleisch "gewolft" und "gemengt" wurde, bringt Fleischermeister Erwin Fessel die Masse in den Naturdarm, Wurst für Wurst. Am Ende gehen einige Tausend über den Ladentisch.


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Über Buchenspäne werden die frischen Würste in einer speziellen Kammer gehangen. Einen Tag bleiben sie im Rauch.

Dann sehen sie so aus: "Schön gleichmäßig - so sollen sie sein!", befindet Fleischermeister Erwin Fessel und gibt sie zum Verkauf frei.

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.... bedeutet beim Finkenschlagen nicht, dass der Kandidat ausgeschieden ist. Vielmehr sollen die Finkenfreunde die vollständigen Gesänge des Buchfinken im Bauer vor ihnen zählen und auf den Notizzetteln in Fünfer-Päckchen "abstreichen". Auf 300 bis 400 so genannte "Schläge" bringen es die Stärksten.

Zum Vortrag kommen "Kunstlieder" im Harzer Dialekt. Da der in der Natur ausgestorben ist, erlernen die Buchfinken-Hähne bestimmte alte "Melodien", die ihnen ihre Gesangstrainer von der Tonkonserve vorspielen, bis sie "gesangsfest" sind.

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Wenn der Frühling kommt, steigt auch bei den Vögeln der Hormonspiegel und sie beginnen zu singen. Der Buchfink als selbstbewusster Vertreter seiner Gattung zeigt in der Paarungszeit ein ausgeprägtes Revierverhalten - durch mehr oder weniger schönen, aber v.a. kräftigen Gesang versucht er, Nebenbuhler zu vertreiben.

Der gefangene Fink begreift den Käfig als sein Revier. Verhüllt wird der während des Gesangstrainings von März bis Mai. Gestrenge Lehrer isolieren die Buchfinken-Hähne in dieser Zeit sogar von allen Außengeräuschen - bis ihr Zögling "gesangsfest" ist. Heute ist so ein Käfig deutlich größer als früher: 50x40x30 Zentimeter. Trotzdem üben Tierschützer freilich Kritik.

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Zumindest nicht aus Sicht der Finkenfreunde.

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.... sind tatsächlich Pfingstwürste.

Sie kommen nicht auf den Grill, sondern direkt in die Tannenglut des Pfingstfeuers. Deswegen werden sie in Pergament und Zeitungspapier eingewickelt und kurz in Wasser getunkt.

So sehen sie aus, wenn sie nach 20 bis 30 Minuten fertig sind. Mit selbst geschnitzten Spießchen wird probiert. "Schweinelecker", finden manche.

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