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Von Rindern und Rennpferden - Webreportage aus dem Gestütz Graditz

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Rinder im Gestüt? Klingt, als ob jemand die Koppel offen gelassen hat? Aber von vorn: Im Gestüt Graditz bei Torgau werden seit 150 Jahren Rennpferde gezüchtet. August der Starke ließ die Anlage errichten, der Freistaat Sachsen sanierte sie seit 2002 aufwendig - und suchte zuletzt einen neuen Pächter.

Die Herren Tandler und Schmidt traten an und bekamen den Zuschlag. Seit 2014  ist Matthias Tandler nun Leiter der Vollblutzucht, während sich Matthias Schneider um die Rindviecher kümmert. Denn neben Rennpferden werden in Graditz auch englische Hereford-Rinder gezüchtet.

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Im Stutenstall herrscht schon zum Anfang des Jahres Aufregung. Die ersten Fohlen der Saison sind bereits zur Welt gekommen, die nächsten Geburten stehen an. Der Chef der Vollblutzucht, Matthias Tandler, überlässt nichts dem Zufall: Die sieben Abfohlboxen sind durch Kameras überwacht. Die Stuten, die in Kürze ein Fohlen erwarten, tragen einen Geburtsmelder.

Zwölf Mitarbeiter kümmern sich um die rund 50 Stuten. Die meisten gehören nicht dem Gestüt, sondern kommen zum Decken und für die Zeit der Fohlenaufzucht nach Graditz.

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Es heißt ja manchmal, Sieger werden nicht auf der Rennbahn gemacht, sondern geboren. In Anspielung auf die Ahnentafel, Kenner sagen: Pedigree. Matthias Tandler ist guter Hoffnung, dass "Red Lips" demnächst einen Champion zur Welt bringt. 

"Die Stute ist von Gleen Eagles gedeckt, das ist ein irischer Hengst, ein sehr wertvoller. Da hat allein die Decktaxe 60.000 Euro gekostet. Was es letztendlich wert ist, wird man sehen." Fest steht schon jetzt: Ihr Fohlen wird zu den kostbarsten im Stall gehören. Deswegen wird sie besonders überwacht.

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Gleich wirds delikat: Matthias Tandler öffnet die Tore zur historischen Deckhalle. Dort werden noch heute Fohlen gezeugt. Unter Aufsicht, versteht sich. Der Chef berät sich mit Pferdewirtin Kathleen Vogel, welche Stuten in Frage kommen. Probierhengst Valerius wird zum Anheizen geholt, aber nur dafür. 

Denn dann kommt "Lucky Lion", der ganze Stolz des Gestüts. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat er alles gewonnen, was in Deutschland zu gewinnen war. In dieser Saison muss er sich erstmals als Deckhengst beweisen.

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Einer der Geburtsmelder im Stall hat angeschlagen. Eine der Überwachungskameras zeigt, dass sich Stute "Walnut Hill" in Box Eins hingelegt hat.

Das kann ein Zeichen sein für die beginnende Geburt - oder eben dafür, dass sich das Pferd hingelegt hat. Nur eben so. Dann ist die ganze Nacht Alarm!

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Nicht in der Nacht, sondern in den Morgenstunden passiert es. "Walnut Hills'" Fohlen kommt auf die Welt. Matthias Tandler ist glücklich, die Strapazen der Nacht vergessen. Alles sieht gut aus: "Das Fohlen hat den Kopf schön aufgerichtet, will schon aufstehen, die Mutter kümmert sich - und es sucht das Euter.

"Der Chef ist überwältigt, obwohl er schon mehr als 100 Geburten erlebt hat: "Das ist das größte Wunder der Natur!" Höchstpersönlich bringt er "die Kleine" in die frische Box und ächzt: "Die hat mehr als 50 Kilo!"  

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Nachwuchs erwartet auch Matthias Schneider. Ganz entspannt. "Ach, das kann durchaus sein, dass die Beine vom Kalb schon mal eine halbe Stunde oder so rausgucken - und dann gehen sie wieder ein Stück rein."  Er spricht von Kuh Mela, die langsam mal ihr Kälbchen auf die Welt bringen könnte. Nicht so entspannt ist Mitarbeiter Hans-Werner Jage, der sich Sorgen macht: "Die müsste sich doch hinlegen, die alte Kuh."

Dann wird's turbulent. Tierarzt Hartmut Lohr eilt herbei, der das 13. Kälbchen der Saison lebend auf die Welt holen soll. Die bange Frage: "Finden Sie ein Bein?!" Oder auch zwei?

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Kuh Mela hat es geschafft, das Kälbchen noch nicht ganz. Matthias Schneider hat ihm schon Ohrmarken verpasst. Das muss sofort sein, so will es die Bürokratie. Dann nervt die Mutter. Das Kälbchen soll aufstehen, will es aber noch nicht! 

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In Graditz werden auch die Kälber noch natürlich gezeugt. Bullenbesitzer Jürgen Schubart wird dem Chef der Graditzer Rinderzucht, Matthias Schneider behilflich sein: Er präsentiert Outcross B und Harvey. Zwei Prachtexemplare. 20 Kühe und fünf Fersen sollen gedeckt werden.

Heute drehen sich die Gedanken von Matthias Schneider um Deckbullen und Kälber, noch vor wenigen Jahren war er Chef eines IT-Unternehmens. Der Agrar-Ingenieur ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt: "Das erdet einen." 

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Zum Gestüt in der Elbaue gehören auch 300 Hektar landwirtschaftliche Fläche: "Sehr fruchtbare Böden, auf denen könnte man auch Zuckerrüben und Weizen anbauen", plaudert der studierte Agrar-Ingenieur Matthias Schneider aus der Schule.

Doch seit 300 Jahren gibt es hier nur Grünland: Ein Paradies für die Rinder, die als Herdentiere in aller Ruhe penibel grasen, während die Pferde als Fluchttiere nur "selektiv" fressen. So erklärt Schneider seinen Gästen bei der Weidewanderung den Sinn der Doppelhaltung von Rindern und Rennpferden auf den gepachteten 80 Hektar. Artgerecht, versichert er.

Höhepunkt der Weidewanderung ist die Verkostung der Rindswurst. Wer nicht kaut, steht neben lebendem Rind: "Oh Streichelzoo mit 1,4 Tonnen", lacht Schneider.

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Irgendwann haben auch die Hereford-Rinder alles abgegrast. Dann heißt es: Umziehen. Diesmal will Matthias Schneider ein Event daraus machen.
Westernreiter aus Leipzig sollen die Herde auf die neue Weide an der Elbe treiben. Als Leitkuh Donna Marie davon rennt, platzt Mitarbeiter Hans-Werner Jagemann der Kragen ...

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"Mal sehen, was er sagt zum Gurt", meint Pferdewirtin Kathleen Vogel, die "Lips Legend" fürs erste Longieren in der Halle vorbereitet. So müssen die Beine des Pferdes mit Gamaschen geschützt werden, damit es sich nicht selbst verletzt. Denn es kann wirklich wild werden, sehr wild ...

Pferde auf die Rennbahn vorzubereiten, auch das ist der Job von Matthias Tandler und seinen Mitarbeitern. "Heute geht es beim Einreiten nicht mehr darum, die Pferde zu brechen", stellt er klar.

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Eine Woche später - im Freien auf dem Longierzirkel soll "Lips Legend" das erste Mal der Sattel angelegt werden. Chef Matthias Tandler kommt mit Handschuhen: "Nicht weil ich friere!" Sondern aus Vorsicht: "Wenn er einmal durchzieht, dann bleibt nichts übrig!" Wird "Lips Legend" wieder den wilden Wallach geben?

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Nach der Winterpause soll "Mount Juliet" zeigen, was er noch drauf hat: Beim Aufgalopp im Leipziger Scheibenholz. 

2016 haben Tandler und Schneider den "Rennstall Scheibenholz" gegründet. Jeder Galoppsport-Fan kann Mitglied werden. "Mount Juliet" gehört einer stetig wachsenden Besitzergemeinschaft von derzeit 60 Rennpaten. Sie zahlen zehn Euro im Monat. Dafür dürfen sie bei den Rennen dabei sein und werden eventuell sogar am Gewinn beteiligt.

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Auf der Rennbahn im Leipziger Scheibenholz startet zum 150. Mal die Rennsaison, der in Graditz geborene "Mount Juliet" startet, die neuen Rennpaten Anita Kermes und Tochter Heidi werden dabei sein. Chef Matthias Tandler und Kathleen Vogel samt Tochter Fabienne sind ebenfalls erschienen. Sie alle setzen auf Sieg!

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Matthias Schneider (50, l.) und Matthias Tandler (50) sind studierte Agrar-Ingenieure. Nach der Wende waren sie erfolgreich in der Software-Branche. Seit 2014 sind sie Pächter auf dem Gestüt Graditz. Während sich Tandler um die Vollblutzucht kümmert, widmet sich Schneider den Hereford-Rindern. 2016 gründeten sie den "Rennstall Scheibenholz".

"Gemeinsam träumen wir davon, dass wir irgendwann zu den großen Erfolgreichen gehören. Wirklich jeder Galoppsport-Fan kann Mitglied werden und steht dann an den Renntagen bei der Siegerehrung."

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Von Augusts "Stutterey" bis heute

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Begründet von den Wettinern, erbaut von Pöppelmann
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Die Wettiner begründen die Pferdezucht in Graditz. 1630 wird die "Stutterey Graditz" erstmals erwähnt. 1686 gründet Kurfürst Johann Georg III. die "Torgauischen Gestüte", zu denen neben Graditz noch vier weitere gehören, und beginnt mit der Zucht von Vollblütern. Ein Jahr später erklärt Kurfürst August der Starke Graditz zur "Churfürstlich Sächsischen Stutterey". Daniel Pöppelmann, nach dessen Plänen auch der Dresdner Zwinger errichtet wurde, konzipiert die Anlage.

Im Ergebnis der Napoleonischen Kriege 1813 und des Wiener Kongresses 1815 verliert Sachsen die Region um Torgau an Preußen. Die Torgauer Gestüte gehen in die Preußische Gestütsverwaltung über und das Gestüt Graditz heißt nun "Königlich Preußisches Hauptgestüt Graditz". Unter der Leitung von Oberlandstallmeister Georg Graf von Lehndorff entwickelt sich das Gestüt ab 1866 zu einer anerkannten Zuchtstätte für Englische Vollblüter.  

Nach schweren Verlusten im Ersten und Zweiten Weltkrieg wird erst 1949 wieder mit der Pferdezucht Englischer Vollblüter und Trakehner in Graditz begonnen. Bis 1990 bringt das Gestüt 15 Derbysieger hervor.

Seit 1992 gehört das Gestüt dem Freistaat Sachsen und wird von der Sächsischen Gestütsverwaltung bewirtschaftet. Die gesamte Anlage, die seit 2002 saniert wurde, steht unter Denkmalschutz.

Bisher einmalig in Deutschland ist die Aufgliederung eines Staatsgestütes in einen privat und einen staatlich geführten Teil. Nach zwei Vorpächtern wird die Graditzer Vollblutzucht seit 2014 von Matthias Schneider und Matthias Tandler in Pacht geführt, während sich der staatlich geführte Teil auf die Zucht von Warmblutpferden konzentriert.

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Begründet von den Wettinern, erbaut von Pöppelmann
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