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Bischofferode

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Mitteleuropas Lagerstätten von Kalisalz entstanden vor gut 250 Millionen Jahren. Damals war die Gegend von flachen Meeren bedeckt, die allmählich verdunsteten. Am Ende blieb das Salz zurück, das heute unter Tage abgebaut wird. Vorwiegend wird es als Düngemittel eingesetzt, aber auch in der chemischen Industrie und in der Medizin findet es Verwendung.

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Seit dem 1. Januar 1970 sind alle Kaliwerke der DDR in einer einheitlichen Struktur zusammengefasst, dem Volkseigenen Kombinat Kali. Der Betrieb hat zehn Bergwerke in drei Revieren. Dort arbeiteten etwa 30.000 Menschen.

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1990, als Bischofferode in die Marktwirtschaft startet, liegt die Kaliproduktion in Ostdeutschland auf Platz 3, in Westdeutschland auf Platz 4 der Exportrangliste der Welt.

Das Bischofferöder Kalisalz ist von besonderer Qualität und das Werk hatte daher bereits vor dem Mauerfall treue Kunden in Westeuropa, vor allem in Skandinavien. Im Westen gibt es einen großen Konkurrenten – die BASF-Tochter Kali und Salz AG aus Kassel.


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Nach dem Zusammenbruch der DDR werden die ostdeutschen Kaliwerke unter dem Dach der Mitteldeutschen Kali AG vereint. Eigentümer ist die Treuhand. Diese beauftragt Ulrich Steger, ehemals Wirtschaftsminister im Kaliland Hessen, als Aufsichtsratsvorsitzender die Mitteldeutsche Kali AG zu sanieren und einen neuen Eigentümer zu finden.

Bis Anfang 1991 schließt die Mitteldeutsche Kali AG fünf von den zehn Kaligruben des Ostens. Binnen weniger Wochen verlieren etwa 10.000 Kalikumpel ihre Arbeit.

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Steger ist seit Ende 1990 Aufsichtsratsvorsitzender der Mitteldeutschen Kali AG.

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Im Westen Deutschlands liegt der Kaliabbau in der Hand der BASF-Tochter Kali und Salz AG in Kassel. Die Firma macht 1990 den größten Verlust ihrer Unternehmensgeschichte - und schaut argwöhnisch auf die Konkurrenz aus dem Osten. Kali und Salz hofft, durch eine Vereinigung von Kali West und Kali Ost die komplette Kontrolle über den Markt zu erlangen . 

Ab Mai 1992 bereitet die Treuhand streng geheim hinter verschlossenen Türen gemeinsam mit Vertretern von Kali Ost und Kali West die Fusion vor.

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Am 6. April 1993 beschließt die Treuhand, dass alle ostdeutschen Kaligruben, also auch Bischofferode, von der westdeutschen Kali und Salz AG übernommen werden sollen. Kali und Salz will Bischofferode bis zum Ende des Jahres schließen. Einen Tag später besetzen die Kumpel das Werk.  

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Doch es gibt noch eine Hoffnung für die Kumpel: Johannes Peine, ein Unternehmer aus Niedersachsen, will das Werk in Bischofferode übernehmen und es unabhängig von der Kali und Salz AG betreiben. Doch sein Engagement ist unerwünscht.

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Der Unternehmer glaubt bis heute, dass er es geschafft hätte, Bischofferode zu erhalten.

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Trotz aller Proteste: Am 13. Mai unterzeichnen Vertreter der Treuhand, der Kali und Salz AG und der Mitteldeutschen Kali AG den Fusionsvertrag. Was darin steht, ist streng geheim. Heute ist bekannt: Im Vertrag wurde der Kali und Salz AG ein Monopol beim Abbau und Vertrieb von Kalisalz in Deutschland zugesichert. Der Unternehmer Johannes Peine ist damit raus aus dem Geschäft, aber weder er noch die Kumpel in Bischofferode wissen das.

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Als auch der zuständige Ausschuss des Bundestages der Fusion zustimmt, treten die Bergleute in Bischofferode in den Hungerstreik.

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Der Bergmann wurde nach 14 Tagen Hungerstreik als erster ins Krankenhaus eingeliefert.

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Die Bilder der Kumpel auf ihren Liegen gehen um die Welt. Zahlreiche Politiker besuchen die Grube im Eichsfeld. Am 8. Juli sucht der thüringische Ministerpräsident Vogel das erste Mal seit der Besetzung das Gespräch mit den Bergleuten.

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Von überallher erhalten die Kumpel  Zuspruch, Geldspenden und Besuche. Urlauber schicken ermutigende Postkarten von der Ostsee. Sogar die Puhdys geben in Bischofferode ein Solidaritätskonzert.   

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Dem "Handelsblatt" werden Auszüge aus dem geheimen Fusionsvertrag zugespielt. Am 2. August enthüllt die Zeitung die Kartellbildung: Im Artikel 20 des Vertrages ist ein Wettbewerbsverbot festgelegt. Niemand in Deutschland außer der Kali und Salz AG soll Kalisalz vertreiben dürfen. Die Europäische Wettbewerbsbehörde wird misstrauisch und will den Fall prüfen.

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Am 20. September beenden die Kumpel in Bischofferode nach 81 Tagen ihren Hungerstreik, weil sie die Wettbewerbsbehörde in Brüssel nicht beeinflussen wollen. Noch einmal schöpfen sie Hoffnung.

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Doch am Ende stimmt auch die Wettbewerbsbehörde in Brüssel der Fusion zu. Und es kommt noch schlimmer: Unternehmer Peine, der immer noch für die Übernahme von Bischofferode kämpft, geht pleite. Über Nacht kündigen die Banken ihm alle Kredite. Kurz zuvor hatte ihn die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth mitten in der Nacht angerufen. Sie hatte versucht, ihn zu warnen.

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Die damalige Bundestagspräsidentin versuchte, den Unternehmer Peine zu warnen.

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Der Unternehmer brauchte Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen.

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Am 31. Dezember akzeptiert der Betriebsrat die Stilllegung der Grube. Nach der Schließung werden die rund 700 Bergleute Abfindungen oder befristete Ersatzarbeitsplätze erhalten.  

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Heute gibt es noch sechs Kaligruben in Deutschland. Vier davon liegen im Westen. Das Bergwerk in Bischofferode wurde geflutet - das Kalisalz ist dadurch unbrauchbar. Experten schätzen, dass das Salz, das noch unten lagert, heute einen Weltmarktpreis von 3,5 Milliarden Euro hätte. Das Land Thüringen überweist dem Kasseler Konzern Kali und Salz (heute K+S) bis heute monatlich 1,5 Millionen Euro für die Sanierung der Altlasten.  

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Archivmaterial: Mitteldeutscher Rundfunk
Interviews, Graphiken und Fotos stammen aus dem Film "Bischofferode - Das Treuhand-Trauma", eine Produktion der Hoferichter & Jacobs GmbH im Auftrag des MDR, Autor: Dirk Schneider.

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