Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's
Coronavirus: Covid-19-Patienten berichten
Eine Reportage von Ine Dippmann

Coronavirus: Covid-19-Patienten berichten

Logo https://reportage.mdr.de/coronavirus-covid-19-patienten-berichten

von Ine Dippmann, MDR AKTUELL

Vollbild
Die Sorge, sich mit einer bislang unbekannten Krankheit zu infizieren, hat in den vergangenen Monaten unser Leben drastisch verändert. Jeder hat die Auswirkungen der Vorsichtsmaßnahmen zu spüren bekommen – auch wenn bisher viel weniger Menschen erkrankt sind, als Anfang März noch befürchtet.

Kennst Du überhaupt jemanden, der Covid-19 hat oder hatte – fragt man manchmal im Freundes- und Bekanntenkreis.

In unserer Reportage kommen Menschen zu Wort, die im Frühjahr Covid-19 durchlebt haben.

Julia und Jana, Olaf und Lars sind vier von über 200.000 Menschen in Deutschland, bei denen eine Infektion mit dem Coronavirus bisher diagnostiziert wurde. Sie erkrankten im März an Covid-19.

Unsere Gespräche finden danach statt – im Freien – oder am Telefon. Jedenfalls mit Abstand. Das hat Corona uns inzwischen eingeimpft. Abstand ist besser. Zumindest räumlich. Denn Corona lehrt auch, was Zusammenhalt bedeutet.
Schließen
Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Zum Anfang

Julia Würz wurde von ihren Nachbarn versorgt
Julia Würz wurde von ihren Nachbarn versorgt
Vollbild
Die Leipziger Förderschullehrerin Jana Hauswaldt erkrankt Mitte März an Covid-19.

"Da habe ich mich eine Zeit lang einsam gefühlt mit mir und meinen Gefühlen und war richtig froh, als ich gehört habe, dass Julia auch positiv ist und da haben wir ab und zu mal telefoniert. Wie es uns geht, wie es bei ihr verlaufen ist, das war schön, dass wir uns hatten zum Austauschen."


Julia Würz, eine Psychotherapeutin, hat sie erst im Winterurlaub kennengelernt. Nun sitzen sie auf Janas Balkon in der Leipziger Südvorstadt.

Julia weiß genau, wo sie sich angesteckt hat. Eine ihrer erwachsenen Töchter war mit ihrem Freund aus dem Urlaub in Marokko zurückgekommen, sie brachten das Virus mit.

An den Moment, in dem klar wurde, dass Corona nichts ist, das nur andere betrifft, erinnert sich Julia genau.

"Da hab ich so gedacht: Das gibt’s jetzt nicht. Das gibt’s gar nicht irgendwie. Zwei junge Menschen, recht gesund… hatten so ein bisschen Erkältungssymptome. Wobei - wir haben so einen kleinen Geruchstest am Abendbrottisch gemacht und an einer Plastikhülle gerochen, die so sehr nach Rauch stank und der Freund hat gemeint, er riecht überhaupt nichts. Und wir alle noch so: Haha!! Wie witzig ist das denn? Aber das hat ihm zu denken gegeben und so ist er nach Hause und hat gemeint, er macht lieber mal einen Test. Und so kam das zu uns."

Es dauert nur wenige Tag, da nimmt Julia bei sich auch das erste Symptom von Covid-19 wahr: Geruchsverlust. Es folgt ein vergleichsweise milder Krankheitsverlauf.

"Also das war trockener Husten und Erschöpfung. Ich hatte kein Fieber. Ich bin auch nicht zum Arzt gegangen. Ich wusste ja dann, um was es sich handelt. Und im ersten Moment war ich... nicht froh, aber ich habe so gedacht: Wir sind sowieso in Quarantäne und ich bin eigentlich gesund, habe keine Vorerkrankung und wenn das jetzt so eine grippeähnliche Sache ist, kann ich mich dem hingeben und zwei Wochen krank sein und dann ist es hoffentlich bald wieder rum. So hab ich gedacht."

Julia hat vier Kinder, ihr Mann arbeitet im Herzzentrum. Die ganze Familie lässt sich testen. Zwei Tests zeigen: coronapositiv. Das zuständige Gesundheitsamt Grimma schickt die Familie zwei Wochen in Quarantäne. Sie verlängern sicherheitshalber um eine Woche. Eigenes Haus und Garten machen die Zeit erträglich. Nur abends gehen sie einzeln mit dem Hund vor die Tür.

"Die Nachbarn haben für uns eingekauft. Wir hatten doppelt Brötchen an der Tür hängen, die haben uns sehr schön versorgt. So haben wir zu sechst die Zeit verbracht."

In diesen Wochen saugt Julia Informationen über Covid-19 regelrecht auf, liest viel, hört Podcasts zum Thema.

"Da wurden ja hauptsächlich die dramatischen Fälle dargestellt. Und das hat für uns nicht zugetroffen. Also Panik hatte ich zum Beispiel nicht."

Auch ihre 13-jährigen Zwillingsjungs stecken sich wahrscheinlich an, zeigen aber nur leichte Erkältungssymptome. Bei ihr dauert es eine Weile, bis der Husten verschwindet.

"Aber der Geruchsverlust ist immer noch da. Leider."


Julia Würz wurde von ihren Nachbarn versorgt
Julia Würz wurde von ihren Nachbarn versorgt
Schließen
Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Zum Anfang

Jana Hauswaldt auf ihrem Balkon in Leipzig.
Jana Hauswaldt auf ihrem Balkon in Leipzig.
Vollbild
Im Gegensatz zu Julia weiß Jana bis heute nicht, wo sie sich angesteckt hat. Die Förderschullehrerin geht in der ersten Woche der Schulschließung noch arbeiten, um Kinder in der Notbetreuung zu versorgen.

Am Samstag radelt sie bei windigem Wetter mit ihrem Mann zum See. Eine kleine Tour, die sie sonst nicht anstrengen würde. Diesmal ist es anders.

"Ich war total geschafft. Und dann sind wir nach Hause gekommen, und ich habe gesagt: ich koche jetzt noch etwas zu essen, aber dann muss ich mich mal ganz kurz hinlegen. Und aus diesem ganz kurz hinlegen ist, glaube ich, eine Woche geworden.

Ich bin gar nicht mehr aufgestanden. Der Basti hat mir dann mal ein Wasser gebracht. Die Kinder haben mal zur Tür reingeguckt: Mama? Aber ich war total platt."

Diese sogenannte Fatigue, eine Müdigkeit, beschreiben viele Corona-Patienten. Wie lange sie dauert, variiert offenbar. Bei manchen hält sie Tage an, bei anderen Wochen oder sogar Monate.

Das vom Robert Koch-Institut als zweithäufigstes Symptom beschriebene, erlebt Jana dagegen gar nicht.

"Ich hatte gar keinen Husten, das einzige, was ich hatte, war so ein bisschen Räuspern und ein bisschen Fieber. Aber wirklich - so schlapp habe ich mich tatsächlich noch nie vorher gefühlt. Aber ich hatte auch noch nie eine Grippe."

Erst als es Jana Hauswaldt schon wieder besser geht, kommt das für sie entscheidende Symptom hinzu.

"Am vierten, fünften Tag war das, glaube ich. Da habe ich für die Familie Abendbrot vorbereitet. Und dachte, jetzt machst du mal ein schönes Dressing für den Salat. Wir konnten nicht einkaufen, ich musste nehmen, was da war. Und ich habe Meerrettich und Joghurt genommen, schön gewürzt mit Salz und Pfeffer und koste. Und es hat nach nichts geschmeckt. Und ich lasse meinen Sohn kosten und der ist fast bis zur Decke gehopst. Für ihn war es sehr scharf."

Jana ist sich nun sicher, sie hat Covid-19. Bei ihrer Hausärztin drängt sie auf einen Test. An einem Sonntag kommt der Anruf.

"Frau Hauswaldt, Frau Hauswaldt – Sie sind positiv getestet. Sie sind unser zweiter Patient, wir sind ganz aufgeregt. Die haben selber nicht daran geglaubt. Ich glaube fast, wäre ich nicht so resolut aufgetreten, hätten die mich gar nicht getestet."

Das Gesundheitsamt ordnet vier Wochen Quarantäne in der Wohnung an. Besonders für Janas beide Kinder, zehn und 13 Jahre alt, eine Herausforderung.

"Und dann hat es auch vier, fünf Mal geklingelt an der Wohnungstür und da standen Leute vom Ordnungsamt haben sich ausgewiesen, standen mit gebührendem Abstand und Mundschutz vor der Tür und haben halt gefragt, ob wir alle zu Hause sind und sie möchten es gern abgleichen, ob das tatsächlich mit Bild und Ausweis ich bin, der da vor ihnen steht."

Über den Balkon hält sie Kontakt zu den Nachbarn unter und über ihr. Sie sieht im Hinterhof den Kirschbaum blühen, Kinder auf dem Trampolin springen und gegenüber die Menschen zum Supermarkt gehen.

"Aber wir hatten ja Glück. Die Beschränkungen waren ja für alle hart in dem Zeitraum, wo wir zu Hause waren. Ich glaube, jetzt würde es mir schwerer fallen, wenn alle draußen rumlaufen, und wir wirklich 'nur' den Balkon hätten, das wäre noch eine größere Einschränkung. Aber damals waren wir froh, dass wir den überhaupt hatten."

Nach etwa drei Wochen, sagt Jana Hauswaldt, habe sie sich wieder gesund gefühlt.

"Aber dann habe ich Geruchshalluzinationen gehabt, ich habe die ganze Zeit alten Rauch gerochen, alten Aschenbecher – die ganze Zeit. Ganz am Morgen nicht, aber dann gegen 11 Uhr fing das an, wer raucht denn hier? Das stinkt aber eklig. Da war das die ganze Zeit da. Bis zum Einschlafen."

In dieser Zeit habe sie nichts anderes riechen können.

"Mich hat beunruhigt, dass ich das Gefühl hatte, dass es gar nicht unbedingt mit meiner Nase zu tun hat, sondern eher hier oben, mit dem Gehirn. Dass es eher eine neurologische Fehlfunktion ist. Das hatte ich auch am Anfang der Krankheitsphase, dass ich das Gefühl hatte, ich verdumme. Ich bin bisschen wie Brei im Kopf. Ich konnte nicht mehr klar denken, ich konnte mir nichts merken."

Doch inzwischen habe sich beides wieder gelegt, sagt Jana Hauswaldt und klopft auf den Holztisch: "Toi toi toi."



Jana Hauswaldt auf ihrem Balkon in Leipzig.
Jana Hauswaldt auf ihrem Balkon in Leipzig.
Schließen
Zum Anfang

Professor Reinhard Henschler von der Uniklinik Leipzig
Professor Reinhard Henschler von der Uniklinik Leipzig
Vollbild
Jana Hauswaldt verzichtet darauf, sich ein zweites Mal testen zu lassen. Sowohl sie als auch Julia Würz melden sich aber auf einen Aufruf der Uniklinik Leipzig, die genesene Covid-19-Patienten sucht, um sie auf Antikörper zu untersuchen oder zu überprüfen, ob sie Blutplasma spenden können.

Dieses Blutplasma soll schwerkranken Corona-Patienten helfen, wie eine Art Passiv-Impfstoff, erklärt Reinhard Henschler. Der Professor für Medizin leitet seit anderthalb Jahren das Institut für Transfusionsmedizin an der Uniklinik Leipzig.

"Der Bereich Plasma, der macht den sogenannten passiven Impfstoff. Sie kennen das vielleicht von der Tetanus-Spritze, die wirkt gleich. Aber nicht dauernd. Da kann das Blutplasma aus der Blutspende zu beitragen."

Rund 600 Menschen in Leipzig und Umgebung, sagt Henschler, sind bislang an Covid-19 erkrankt.

"Wir haben 120 Freiwillige unter unseren Spendern, die Corona hatten. Und die Leute haben sich wirklich gemeldet und die möchten wir jetzt einbestellen, einen nach dem anderen, um das Plasma zu spenden und gleichzeitig zu untersuchen."

Dass Jana und Julia nicht gleich zum Blut- oder Plasmaspenden eingeladen worden sind, liegt auch am Stand der Forschung. Noch arbeiten die Wissenschaftler an Methoden, die sicher zeigen, dass jemand eine gute Abwehrkraft gegen das neuartige Coronavirus hat, so Henschler.

"Zunächst waren wir gar nicht in der Lage, die Immunantwort wirklich vernünftig zu messen. Wir hören aber auch, dass – wenn man sie messen kann – dass diese Immunantwort bei den Leuten rauf und runter geht oder vielleicht sogar wieder zusammenbricht. Das muss man sich genauer anschauen, was da passiert. Was wir auch in den allerersten Beobachtungen sehen können, dass manche Leute eine sehr starke Immunantwort haben und manche eine sehr schwache – und beide doch ihre Corona-Infektion durchgemacht haben. Wir müssen, glaube ich, eine ganze Menge verstehen lernen. Und das können wir erst, wenn wir auch gut messen gelernt haben."

Daran wird auch in Leipzig gearbeitet. Inzwischen könne man die Zellen bestimmen, die dafür verantwortlich seien, dass Antikörper gebildet werden.

"Das ist ein Puzzlespiel, ein spannendes Puzzlespiel, das wir jetzt gemeinsam zu bewältigen haben. Alle Fächer, die sich mit dem Immunsystem, aber auch mit der Wechselwirkung und dem Menschen befassen, die ziehen auf einmal an einem Strang und die haben gemeinsam das gleiche Problem."
Professor Reinhard Henschler von der Uniklinik Leipzig
Professor Reinhard Henschler von der Uniklinik Leipzig
Schließen
Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Zum Anfang

Vollbild
Lars sitzt in der Dresdner Neustadt in einem Hinterhof. Grün ist es hier, der Wind fegt durch hohe Bäume, ein grauer Kater freut sich über Gesellschaft und streicht um seine Beine.

Das Grün dieses Hinterhofs war für Wochen das einzige, was er sehen durfte. Wochen im März, in denen er mit Covid-19 unter Quarantäne stand. Er ist sich ziemlich sicher, wo er sich angesteckt hat.

"Ich geh mal fest davon aus, dass das beim Skifahren passiert ist, beim Skifahren in Tirol."

Anfang März war das. Als er zurückkommt, sind die Nachrichten schon voll von Warnungen vor möglichen Ansteckungen in der Urlaubsregion. Lars beschließt gleich, sich erst einmal von anderen fernzuhalten. Um sicherzugehen – und auch um die Mitbewohnerinnen seiner WG zu schützen, lässt er sich nach zwei Tagen in der frisch eröffneten Corona-Ambulanz der Dresdner Uniklinik testen. Obwohl er noch keine Symptome hat.

"Ich glaube um acht Uhr haben die aufgemacht, ich war halb acht da. War vielleicht der 20ste in der Reihe. Dann kam eine Mitarbeiterin, eine Schwester oder eine Ärztin mit Megafon und hat gesagt, alle, die keine Symptome haben, können sofort wieder gehen, kein Fieber, keinen starken Husten. Die werden hier nicht getestet. Da hab ich kurz überlegt, upps. Bin aber tapfer stehen geblieben."

Lars verweist auf seinen Urlaub im Risikogebiet und wird getestet. Die Diagnose: positiv. Noch am selben Tag macht Lars seine Erkrankung über Facebook öffentlich. Die Resonanz ist groß.

"Ich habe dann tatsächlich insgesamt 80 persönliche Nachrichten bekommen, mit überwiegend Nachfragen, Einladungen zu Online-Konferenzen, zum Biertrinken, wo sie mal mit jemandem reden konnten, der Corona hat."
Schließen
Zum Anfang

Dr. Katja de With vom Dresdner Universitätsklinikum
Dr. Katja de With vom Dresdner Universitätsklinikum
Vollbild
Katja de With hat Corona kommen sehen. Sie leitet am Dresdner Universitätsklinikum Carl Gustav Carus den Bereich Infektiologie und beobachtet im Februar aufmerksam, was in Italien passiert. Frühzeitig sorgt sie dafür, dass Patienten eine zentrale Anlaufstelle in Dresden bekommen: die Corona-Ambulanz.
 
"Wir haben Winterferien gehabt, es sind sehr viele aus dem Skiurlaub zurückgekommen und wir haben dann gesagt, wer weiß, ob diese Skifahrer nicht schon infiziert sind. Und da haben wir gesagt, wenn die alle infiziert sind, dann muss das ja irgendjemand testen. Und deswegen haben wir die Ambulanz aufgemacht."

Innerhalb weniger Tage wird in einem teils leerstehenden Haus die Ambulanz eingerichtet. De With wird die Leiterin. Bevor sie 2013 an die Uniklinik Dresden gekommen ist, hat sie lange in Freiburg gearbeitet. Die Kontakte dorthin helfen ihr, sich auf das, was kommt, einzustellen.

"Die hatten die Patienten schon schneller im Krankenhaus und schneller auf der Intensivstation, und die haben mir die Zahlen berichtet. Und da war einem dann schon bisschen… nicht Himmelangst, aber ich habe dann schon gedacht: Jetzt müssen wir ein bisschen aufpassen, weil da haben sich die Zahlen relativ schnell verdoppelt, sind ganz schnell angestiegen, weil die Patienten dann in einer anderen Erkrankungsphase von Covid-19 waren. Und in dieser Erkrankungsphase waren sie zu Hause nicht mehr führbar, sondern brauchten dann tatsächlich Krankenhausunterstützung oder auch intensivmedizinische Unterstützung."

Auf de Withs Schreibtisch liegen zwei dicke grüne Wälzer – Principles and Practice of Infectious Diseases – quasi die Bibel zu Infektionskrankheiten. Practice – wie damit umgehen, das steht für de With im Vordergrund ihrer Arbeit. Während Virologen versuchen, das Virus zu verstehen, lernt de With die Krankheit in der Klinik am Patienten kennen.

"Zwischen Grippe und Covid-19 – da gibt es eigentlich gar keine großartige Unterscheidung, die wesentliche, neuere Erkenntnis bei Covid-19 ist vielleicht der komplette Geruchsverlust, der Geschmacksverlust, der, was hier besonders ist, nicht einhergeht mit einer verstopften Nase. Die Nase ist frei, aber die Menschen riechen einfach nichts mehr. Und zwar schlagartig. Ich glaube, das ist ein Herausstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen Erkältungskrankheiten."

Zumindest zu Beginn der Erkrankung, ergänzt de With. Auch der Verlauf der Krankheit sei anders. Das Virus richte offenbar Schäden an, die Symptome auslösen, die mit dem Virus nicht direkt zu tun haben.

"Dass Patienten thromboembolische Ereignisse haben, immunologisch entzündlich reagieren, in einem ganz ausgeprägtem Maße. Man nicht weiß, welcher Patient das ist, der das macht und welcher Patient nicht. Das ist auch noch eine Besonderheit."

Sogenannte Superinfektionen können auch bei der Grippe auftreten, so de With. Aber:

"Bei Covid-19 haben wir weder eine Impfung noch eine Therapie. Man kann diese Erkrankung nicht unterbrechen. Das ist dann natürlich auch noch ein Problem."

Dr. Katja de With vom Dresdner Universitätsklinikum
Dr. Katja de With vom Dresdner Universitätsklinikum
Schließen
Zum Anfang

Vollbild
"Ich hatte Husten, starke Kopfschmerzen, ich hatte lange Schnupfen, ich hatte kein Fieber und war aber durchweg einfach müde, kaputt."

Einen Arzt sucht Lars nie auf.

"Ich habe das alleine bewältigt. Die Empfehlung vom Gesundheitsamt war: Wenn's ganz krass wird, wenn krasse Symptome vorhanden sind, wenn man 41 Fieber hat, dann soll man einen Arzt aufsuchen, dann gibt es eine Notrufnummer. Aber ansonsten soll man es einfach zu Hause aussitzen im besten Sinne."

Eigentlich zu dritt, wohnte Lars zu dem Zeitpunkt nur mit einer Mitbewohnerin zusammen. Die Wohnung ist groß, sodass sich beide gut aus dem Weg gehen können.

"Wir haben getrennt gekocht, haben uns in der Küche nicht getroffen, haben danach immer alle Flächen desinfiziert. Und wir haben auch noch einen echt guten Freundeskreis, die sich sofort gekümmert haben mit Einkäufen."

Auch Leute aus dem Haus unterstützen ihn. In den ersten Tagen seiner Erkrankung liest Lars noch viel auf den Seiten des Robert Koch-Instituts. Doch bald wird es ihm zu viel. "Kopfhygiene" nennt er seine selbstverordnete Corona-Nachrichtensperre.

"Ich hätte schon nochmal gern einen Test gemacht nach 14 Tagen, um einfach zu wissen: Bin ich denn jetzt gesund? Oder trage ich den Virus noch in mir? Und die Antwort vom Gesundheitsamt dort war: Wenn Sie keine Symptome mehr haben nach 14 Tagen Quarantäne, dann gelten Sie als gesund."

Tatsächlich fühlt sich Lars nach 14 Tagen rundum gesund. Er testet seine Belastungsfähigkeit beim Rennradfahren.

"Also längere Strecken: 70, 80, 90 Kilometer. Und das ist ja ein Ausdauersport, wo die Lunge gebraucht wird. Und nach den ersten zwei größeren Runden habe ich mir gesagt: Okay, hier ist nichts mehr. Sonst könnte ich jetzt diese Strecke hier nicht durchziehen."

Schließen
Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Zum Anfang

Olaf Peschke hat sich im Ski-Urlaub angesteckt
Olaf Peschke hat sich im Ski-Urlaub angesteckt
Vollbild
Lars' Freund, Olaf Peschke, mit dem er Urlaub im Zillertal gemacht hatte, hat es schwerer erwischt.

Der 59-jährige Software-Entwickler aus Berlin erholt sich in diesen Tagen in einem Dorf nahe der polnischen Grenze. Die Netzabdeckung dort ist schlecht. Nach mehreren Versuchen zeichnen wir unser Gespräch am Telefon auf. Und Olaf Peschke erinnert sich.

"Meine Frau hatte noch am Rückreisetag die ersten Symptome. Bei mir traten die erst ein kleines bisschen später auf."

Beide meiden sofort Kontakt mit anderen, wollen sich schnell testen lassen.

"Also ich habe, glaube ich, diese zentrale Hotline in Berlin an dem Wochenende, an dem Sonntag versucht, 200 Mal anzurufen. Keine Chance. Ärztlicher Bereitschaftsdienst – keine Chance. Gesundheitsamt – Null. Ich glaube, da war erst Normalbetrieb in den Wochen danach."

Beim Hausarzt am nächsten Tag werden sie schon von der Schwester abgewiesen und zum Gesundheitsamt geschickt.

"Wobei nur ich getestet wurde, meine Frau nicht. Man musste sich entscheiden, zu dem Zeitpunkt noch, also so ein Pärchen, das wurde wie ein Fall behandelt."

Während seine Frau die Krankheit wie einen grippalen Infekt mit starkem Husten erlebt, bekommt Olaf erst nach drei Tagen Fieber.

"Und das ging dann rapide nach oben. Und dann kam wirklich erst nach acht Tagen die Atemnot dazu. Also die Atemfrequenz war unnatürlich hoch."

Zeit, einen Arzt zu rufen, beschließen Olaf und seine Frau. Sie wählen gleich den Notdienst 112. Er kommt sofort auf eine Intensivstation, liegt im Zimmer mit zwei weiteren Covid-19-Patienten. Es ist das erste Mal, dass Olaf im Krankenhaus liegt. Vorerkrankungen bringt er nicht mit. Er hat zwar ganz leichtes Asthma, ist aber gut eingestellt, sportlich aktiv. Nun Intensivstation. Olafs Zustand verschlimmert sich.

"Also Intensivstation ist Stress, ist Stress pur. Pausenlos klingelte, summte, surrte irgendwas. Irgendwelche Apparaturen meinten, jetzt ist was alle oder man muss was Neues bekommen."

Olaf wird stundenweise beatmet. Was so wichtig für den Sauerstoffgehalt im Körper ist, strengt ihn gleichzeitig sehr an, weil er wie gegen einen Widerstand anatmen muss.

"Glücklicherweise gingen künstliches Koma und Intubation an mir vorbei. Es stand zwei, drei Tage so auf der Schwelle, dass man das machen müsste, aber ich habe mich darüber hinweggerettet. Also der Körper hat gut gekämpft."

Sechs Tage dauert es, bis das Fieber zurückgeht und sich die Atmung verbessert.

"Ich hatte am Anfang ganz heftig Angst, die ersten Tage. Wie das Ganze so ausgehen wird. Was wirklich sehr gut war, war die Betreuung. Das Personal hat sich wunderprächtig gekümmert. Der Kontakt zu meiner Frau war immer da. Dank der Mobilfunktechnik hat man natürlich das Telefon am Bett und kann es auch zu allen Tages- und Nachtzeiten benutzen. Aber sonst, mental war die Sache schon heftig. Denn solche Dinge zu sehen, wie wenn im Nachbarbett jemand stirbt – das kommt immer wieder hoch, das sind Bilder, die man nicht so schnell wieder loswird."

Traumatisch sei die Erfahrung auch für seine Frau gewesen, erzählt Olaf. Das Gefühl ausgeliefert zu sein, keinen direkten Zugang zu ihm zu haben.

"Mit den ungewissen Aussagen zu leben, die die Ärzte zu dem Zeitpunkt, gerade in den ersten Tagen machen konnten, ich glaube, das war super schwer."

Von der Intensivstation wird Olaf für weitere 10 Tage auf eine isolierte Normalstation verlegt. Ende März kann er das Krankenhaus verlassen – und gilt immer noch als coronapositiv. Er muss zunächst für zwei Wochen nach Hause in Quarantäne. Danach tritt er eine Reha an der Ostsee in Heiligendamm an.

"Einmal um Kraft und Ausdauer wieder aufzubauen, denn das war deutlich reduziert. Als ich aus dem Krankenhaus kam, bin ich am Arm von einem Pfleger gelaufen, das hätte ich vorher nie für möglich gehalten, dass man innerhalb von ein paar Tagen so stark abbauen kann. Also die Physis. Und dann natürlich die Lunge. Also die Lungenfunktionalität und Atemmuskulatur wieder zu verbessern."

10 Kilo nimmt Olaf Peschke in der Zeit ab. Die Kraft ist fast vollständig weg. Nach ein paar Schritten muss er sich hinsetzen.

"Am deutlichsten hat man es gemerkt, wenn ich Treppe steigen wollte. Fünf Treppenstufen, und ich habe dagestanden und geschnauft. Dieser Verlust an physischer Leistungsfähigkeit, der war enorm. Aber die kommt auch schnell wieder zurück."

Kraft- und Ausdauertraining, Atemübungen und vor allem viel Ruhe sind angezeigt. Die findet Olaf bei Spaziergängen am fast menschenleeren Strand – Touristen gibt es in diesem April an der Ostsee nicht. Ob die anderen Spaziergänger auch ehemalige Covid-19-Patienten sind, weiß Olaf nicht.

"Zu dem Zeitpunkt, als ich mich dort aufhielt, war es so, dass es keine gemeinsamen Therapiesitzungen der Corona-Betroffenen gab. Wir hätten uns das gewünscht, das wurde auch nachgefragt, aber es hieß, man möchte nicht eine Stigmatisierung der Corona-Erkrankten. Also man war sehr unsicher im Umgang."

Olaf ist auch heute noch daran interessiert zu erfahren, wie es anderen Betroffenen ergangen ist, auch nach der akuten Phase der Krankheit.

"Dafür kriegt man ja relativ wenige gesicherte Aussagen. Außer, dass es immer heißt, es ist alles reversibel. Die Schädigung in der Lunge. Das kann ich auch bestätigen, es entwickelt sich positiv, immer noch. Also es soll angeblich nichts zurückbleiben. Aber auch um zu erfahren, entwickelt es sich bei anderen ähnlich, geht es genau so langsam voran."

Auch Olafs Frau sucht noch nach einer Therapiegruppe. Das Gefühl, dass der Partner möglicherweise sterben wird, hat sie belastet. Doch es sei schwierig, als Angehörige Unterstützung zu finden.

"Ich kann wirklich nur sagen: Toi, toi, toi, dass wir so ein Klasse-Gesundheitssystem haben, das war super vorbereitet. Es war eine super Betreuung, die ich erlebt habe – großen Dank in diese Richtung. Ich bin auch sehr dünnhäutig an den Stellen, wenn jetzt im Nachgang, weil es nicht ganz so schlimm geworden ist, die Einschränkungen so massiv diskutiert werden. Weil ich weiß und gesehen habe, dass es sehr schlimm sein kann."

Olaf Peschke hat sich im Ski-Urlaub angesteckt
Olaf Peschke hat sich im Ski-Urlaub angesteckt
Schließen
Zum Anfang

Vollbild
Auch wenn Olafs Krankheitsverlauf zu den weniger häufigen gehört, teilen Jana, Julia und Lars seine Sichtweise.

"Also ich empfinde das so, dass wir in Deutschland gut gefahren sind, bezogen auf die Einwohnerzahl und die Sterberate. Und von daher hat das alles seine Berechtigung. Und ich bin trotzdem froh, wenn es jetzt wieder losgeht für die Wirtschaft und für die Künstler, weil: es ist halt eine tief-ethische Frage, wie weit kann der Staat gehen, wie weit kann die Gesellschaft gehen, um einzelne Leben zu retten. Und sie tut es ja an vielen anderen Stellen nicht", sagt Jana.

"Gerade im gesundheitlichen Bereich, wenn man so viel Richtung gesunde Ernährung schulen würde, was ja die Gesundheit auch befördert. Wenn man das vom Staat unterstützen würde, wäre ja auch schon viel getan", findet Julia.

Lars ergänzt: "Man kann ja immer so ein paar Sachen, die da passieren, kritisieren, aber ich finde, dadurch, dass niemand genau wusste, was auf uns zukommt, was das bedeutet und diese Bilder noch als Eindruck – müssen ja Leute auch Entscheidungen treffen. Die können auch manchmal falsch sein, da muss man ein bisschen Nachsicht auch haben."
Schließen
Zum Anfang
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden