Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

OEZ-Attentat - Ueberwachung ohne Folgen

Logo https://reportage.mdr.de/oez-attentat-ueberwachung-ohne-folgen

22. Juli 2016: David Sonboly erschießt am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen.

07. Dezember 2017: William Atchison tötet zwei Menschen an einer Schule in New Mexico.

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Die beiden Täter kannten sich. Über die Gamingplattform "Steam" und den Audiochat "Teamspeak" tauschten sie sich aus. Monatelang schrieben sie über rechtsextreme Inhalte und Gewalt. Sie verbrachten einen Großteil ihrer Zeit in diesen virtuellen Räumen.




Zum Anfang

Das FBI wurde schon früh auf Atchison aufmerksam, stellt die Ermittlungen aber ein.
Auch verschiedene deutsche Polizeibehörden hatten mehrere Hinweise auf eine Verbindung zwischen Sonboly und Atchison.  
 
Bis heute ist das rechtsextreme Netzwerk um Atchison und Sonboly nicht gründlich untersucht.


Zum Anfang
Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Juli 2015: Sonboly sucht im Darknet nach einer Pistole des Modells Glock 17. Dabei chattet er mit einem verdeckten Ermittler des Zollkriminalamtes. Verhindert wird der Kauf aber nicht.

6. März 2016: Das FBI stößt bei Steam auf Anschlagspläne von Atchison. Das FBI ermittelt fälschlicherweise gegen Atchisons Bruder. Das bereits bestehende Netzwerk um die späteren Attentäter Sonboly und Atchison wird nicht durchleuchtet. 

22. Juli 2016:
Nach dem Attentat am OEZ wird kaum im Netz ermittelt. Sonbolys US-amerikanischen Email-Konten werden nie durchsucht. Begründung: "Von Anfragen oder Rechthilfeersuchen in die USA wurde abgesehen, da solche Anfragen erfahrungsgemäß leider kaum Aussicht auf Erfolg haben..."

Zum Anfang

26. Juli 2016: Mit David F. verhaftet die Polizei einen weiteren potentiellen Attentäter aus dem Netzwerk. Er benennt Atchison als Kontaktperson zwischen ihm und Sonboly. Einen Hinweis an US-Behörden gibt es nicht.

09. Dezember 2017:
Nach dem Attentat in New Mexico bittet das FBI das BKA, einen Kontakt Atchisons im hessischen Alsfeld als Zeugen über das Netzwerk zu vernehmen. Das Ergebnis der Vernehmung wird dem FBI mitgeteilt. Deutsche Behörden werten es aber monatelang nicht aus.


Zum Anfang

11. Juni 2018: Erst nach einer Anfrage im Bundestag durch die Abgeordnete Martina Renner reicht das BKA erstmals die Zeugenbefragung aus Hessen weiter. Die Anfrage selbst wird zunächst inhaltlich falsch beantwortet, ein "Büroversehen" des BKA.

10. August 2018: Nach neun Monaten Ermittlungsarbeit teilt das FBI dem BKA mit, dass eine Verbindung zwischen Atchison und Sonboly nicht verifiziert werden kann. Doch ihre Chats sind im Netz veröffentlicht.

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Screenshots zeigen: Spätestens seit November 2015 schreibt Atchison mit verschiedenen Accounts Nachrichten an Sonboly.

Auch nach dessen Tod schreibt Atchison ihm im Chat der Spieleplattform Steam. Er glaubt unter Verdacht zu stehen und wendet er sich an die deutsche Polizei mit der Bitte, ihn nicht zu verfolgen.

Zum Anfang

Sonboly und Atchison verbringen hunderte Stunden mit Computerspielen, über den Audiochat Teamspeak stehen sie in Kontakt. 

Ihre Lieblingsspiele: Der Ego-Shooter Counter Strike und Hatred. Ein Spiel mit dem Ziel, als soziopathischer Massenmörder so viele Menschen wie möglich zu töten.



Zum Anfang

Die Gamingplattform Steam wird für Sonboly und Atchison zum Lebensmittelpunkt. Dort existiert eine rechtsextreme Parallelwelt, zu der sie bald gehören.
User posten Hakenkreuze und geben sich Namen wie "Gruppenführer SS". Der Nationalsozialismus wird verharmlost oder sogar verherrlicht.

Zum Anfang

Atchison selbst gründet auf Steam die Gruppe "Anti-Refugee-Club". Vor allem mit Ereignissen in Deutschland, wie der Silvesternacht 2015/16 in Köln, wird Stimmung gemacht. Flüchtlinge werden als Parasiten und Blutegel bezeichnet.

Atchsion wird zum Netzwerker zwischen potentiellen Attentätern mit rechtsextremer Einstellung.

Zum Anfang

Sonboly ist Mitglied der Gruppe. Er radikalisiert sich dort weiter - nur wenige Monate vor dem Anschlag in München.

Nach dem Attentat in München wird Sonboly mit seinem Account "NeoGer" dort als "Gruppenspieler der Woche" gefeiert.

Zum Anfang

Atchison erstellt außerdem einen Eintrag für Sonboly auf der an Wikipedia erinnernden Seite "Encyclopedia Dramatica". Das rassistische Tatmotiv wird darin positiv hervorgehoben, die Opfer als "Untermenschen" verhöhnt. 

Auf der Seite gibt es einen Highscore für Massenmörder. Ein zynisches Punktesystem gibt die Rangfolge vor.

Zum Anfang

Auch die Tatwaffe kaufte David Sonboly bei einem bekennenden Rechtsextremisten über das Darknet-Forum "Deutschland im Deep Web".

Der frühere Betreiber des Forums ist in Mannheim unter anderem wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Der Prozess soll im November 2018 starten.
 
"Deutschland im Deep Web" wurde vom BKA vom Netz genommen. Seit einigen Monaten gibt es aber einen Nachfolger.

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Das Attentat wird in diesem Gutachten vor allem als Amoklauf gewertet, also als wahllose Tötung von Menschen. Die Gutachterin Britta Bannenberg schreibt:

"Der Täter war weder auf rechtsextremistischen Internetseiten, noch in einschlägigen Foren aktiv, schon gar nicht hat er Kontakt zu rechten Gruppen gesucht."

Eine längst überholte Einschätzung. Doch bis jetzt ist dieses Gutachten maßgeblich für die Bewertung des OEZ-Attentats.

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten

Der Einschätzung widerspricht auch der von der Stadt München beauftrage Gutachter Florian Hartleb. Vor allem Sonbolys Bezug zu dem rechtsextremen Attentäter Anders Behring Breivik, der in Gruppen bei Steam verherrlicht wird, sei offensichtlich.

Video öffnen

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten

Katharina Schulze (Bündnis 90/Die Grünen) vermutet, dass die bayerische Landesregierung ein möglicherweise rechtsextremistisches Tatmotiv verschleiern will. 

Video öffnen

Zum Anfang

Auf Anfragen im Landtag antwortete das bayerische Innenministerium mit Hinweis auf laufende Ermittlungen nur lückenhaft. Wann ein abschließender Bericht veröffentlicht werde, sei derzeit ebenso unklar wie das Ende der Ermittlungen.

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Strafbare Inhalte müssen Anbieter von sozialen Medien in Deutschland seit Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes im Oktober 2017 sofort löschen. Andernfalls drohen hohe Geldbußen.

Doch für Steam gilt das Gesetz nicht. Gamingplattformen sind von der Regelung ausgeschlossen.

Zum Anfang

Nach wie vor werden in Gruppen auf Steam die Attentäter verherrlicht - wie in der Gruppe "eldigato is a god". Sie ist eine Hommage an Atchison, der unter dem Namen "eldigato" auf Steam unterwegs war.

User hinterlassen hier in Kommentaren ihre Gewaltfantasien oder schreiben, Atchison habe nichts Falsches getan.

Zum Anfang

Auch User, die mit beiden Attentätern in Kontakt standen, sind weiter auf Steam aktiv. Auf YouTube vertreiben sie gewaltverherrlichende Videos.
Einer behauptet sogar, eine Liste potentieller Attentäter zu haben.

Zum Anfang

Die Ermittlungen deutscher Behörden sind noch nicht abgeschlossen. Bis jetzt sind die Hintergründe nicht vollständig aufgeklärt. Das OEZ-Attentat wird nach wie vor nicht als politisch motiviert eingestuft.

Unterdessen bestehen im Netz die Strukturen weiter, in denen sich Sonboly und Atchison radikalisiert haben.

Zum Anfang
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden