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Schweineleben - Schweinesterben

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Unser täglich Schwein


Geschichten vom Umgang mit dem Nutztier Nummer eins



Hinweis: Diese Multimedia-Reportage enthält auch Bilder, die das Töten und Schlachten von Tieren zeigen.
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Hier ist es noch wie allezeit: Die Muttersau in der Buchte, zwölf Ferkel hat sie geworfen, sie liegen im Stroh, im Schein der Wärmelampe.

Diese Art der Ferkelaufzucht wirkt im Jahr 2015 unzeitgemäß. Der Anteil von Fleisch aus artgerechter Haltung bzw. von ökologisch zertifizierten Betrieben ist verschwindend gering: Biofleisch hatte 2013 nur einen Marktanteil von zwei Prozent.  

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Auslaufhaltung nennt sich das, was Ute Pfeiler hier praktiziert. Sie hat Zootechniker gelernt im Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde, später Landwirtschaft studiert und eine Doktorarbeit über artgerechte Schweinehaltung geschrieben.
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Ökobäuerin Ute Pfeiler über den Platz des Schweines in der Landwirtschaft.

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Mensch und Schwein ähneln sich sehr. Beide sind Allesfresser, die Organe in Form und Größe etwa gleich, ebenso Körpertemperatur, Hormonhaushalt und Blutzuckerspiegel. Während ein Schwein etwa 15.000 Geschmacksknospen hat, muss der Mensch mit 9.000 auskommen.

Schweine sind empfindsame Tiere, sie fühlen Schmerz und Freude. Über die Menschenähnlichkeit dieser Emotionen wurde in den letzten Jahren viel geforscht, und im Ergebnis ist zum Beispiel in der Schweiz die Ferkelkastration ohne Betäubungsmittel verboten.

Bei der Lebenserwartung gehen Schweine und Menschen weit auseinander: Ein Schwein wird maximal 27 Jahre alt. Wenn es denn nicht schon lange vorher geschlachtet wird.




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Der Mensch hält seit Jahrtausenden Schweine als Nutztiere. Ihr Fleisch ist nahrhaft und energiereich, ihre Haut hält her als Leder-Lieferant und aus den Borsten werden Bürsten und Pinsel.

Im Mittelalter dienten Schweinsblasen, auf einen Rahmen genagelt, als Ersatz für Glasfenster.

Und von Englands König Heinrich VIII. wird berichtet, er habe als Kind gern mit Schweinsblasen Fußball gespielt.




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Wer "Schwein hat", der hat unerwartet Glück.

Die Redewendung geht wohl auf Wettspiele im Mittelalter zurück. Damals erhielt der Verlierer oft ein Ferkel - zum Spott und zum Trost.

Die "arme Sau" konnte aber durchaus Gewinn einbringen. Denn Schweine sind sehr fruchtbare Tiere (oft ein Dutzend Ferkel bei einem Wurf) und effektive Resteverwerter.

Und so hatte, wer Schweine hielt, langfristig für Nahrung gesorgt, oder schlicht gesagt: Er hatte Schwein.

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Das Zusammenleben von Schwein und Mensch ist eine Geschichte der Effektivierung. So wurden den Tieren Extra-Rippen angezüchtet (für mehr Fleisch) sowie zusätzliche Zitzen (für mehr Ferkel).

Futterautomaten und spezielles Mastfutter verkürzen die Mastzeit. Den größten Leistungsfortschritt brachte die Verkürzung der Säugezeit von 35 auf 21 Tage. Die Anzahl der Ferkel pro Muttersau wurde von etwa 20 im Jahr auf bis zu 30 gesteigert.

Etwa 80 Prozent aller in Deutschland geborenen Schweine werden durch künstliche Besamung gezeugt. Mit biotechnischen Verfahren, zum Beispiel Hormonbehandlung, werden Brunft, Eisprung und Abferkelung synchronisiert.



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Ferkelaufzucht in Brandenburg

Quelle: Deutsches Tierschutzbüro e.V.



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"Das Ende des Schweins ist der Anfang der Wurst" - sagt Wilhelm Busch. Alle Schweinehaltung läuft darauf hinaus.

Die Biobauern aber nehmen auch die Tiere als Lebewesen in den Blick, die Massentierhalter vor allem den Profit. "Wo soll das enden?", fragt Biobäuerin Ute Pfeiler.

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Um 1800: 8 Kg
Um 1900: 28 kg
Um 2000: 52 kg



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Hausschlachtungen sind traditionell verbunden mit kleinen Gesten, die als rituelle Handlungen verstanden werden können. Sie weisen über den Moment hinaus und dienen dem Herstellen von Gemeinschaft. Der Bauer reicht dem Fleischer einen Schnaps, gemeinsam begießen sie das Tier-Opfer. Das wacht als (toter) Geist über der Szene.
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Die Bäuerin befüllt nicht nur die eigene Kammer, sie lässt auch die Nachbarn teilhaben an frischer Wurstsuppe oder anderem Hausschlachtenem.



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Die Kinder treiben Schabernack, binden dem Großvater den Schweineschwanz an den Kittel - und weil der Schlachtetag immer auch ein Festtag ist, geht diese Respektlosigkeit ausnahmsweise durch. Und selbst noch die Katze muss für einen Scherz herhalten, ihr bindet man die Schweineblase wie einen Luftballon an den Schwanz.

Alle Lachen - und trösten sich so über ihre Traurigkeit hinweg. Denn sie haben ja als Bauern auch Mitgefühl mit dem Schwein, das sie so lange gemästet und nun getötet haben.

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Der in Köthen lebende Maler Herbert Jentsch (1913-1996) hat für sein Werk "Schweineschlachten" die Form eines Tryptychons gewählt. Sein kleiner Hausaltar aus dem Jahr 1978 verweist auf das rituelle Moment: Das Schwein ist für uns gestorben, es nimmt unsere Schuld auf sich, sein Tod lässt uns leben.
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Noch gibt es in den Dörfern Hausschlachtungen. Und immer ist es, als würden sich die Schlachter verbinden mit ihren Ahnen: Sie pflegen Handwerk und Tradition in einer hochtechnisierten Zeit, sie herrschen über Leben und Tod und verbinden sich so mit dem ewigen Gang von Werden und Vergehen. Blut fließt, die scharfe Klinge teilt das Fleisch - ein ehrlicher Umgang mit dem Lebensmittel Tier, der sich sonst im Verborgenen vollzieht, hinter hohen Zäunen in "cleanen" Hallen irgendwo in der Nähe der Autobahn.



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Quelle: Friedemann Ebelt

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In den letzten Jahren gibt es eine deutliche Tendenz: In Deutschland werden mehr Schweine gehalten, aber die Anzahl der Betriebe geht zurück. Nur über Masse lässt sich Geld erwirtschaften.

In Thüringen zum Beispiel beugen sich viele Ökobauern dem ökonomischen Druck. Sie steigen wieder um auf konventionelle Haltung.




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Das Radio-Feature von MDR FIGARO hören Sie hier in voller Länge.

Autor: Friedemann Ebelt
Redaktion: Tobias Barth

Sprecher: Matthis Reinhardt und Joachim Schönfeld

Schnitt: Christian Grund
Ton: Holger König
Regieassistenz: Alexander Kühn
Regie: Henry Bernhard

Produktion: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK 2015

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