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Seit mehr als einem Jahrhundert beeinflusst sie das Leben der Menschen in Mitteldeutschland und der Lausitz.

Hunderte Ortschaften mussten den wachsenden Tagebauen weichen, Tausende Einwohner ihre Häuser verlassen.

Über Jahrzehnte brachte die Kohle Arbeit, Energie und Wohlstand. Doch ihre Zeit scheint vorbei zu sein.

Seit Jahren tobt ein Kampf um die Zukunft der Kohle – und damit auch um die Chancen einer ganzen Region.

Was wird aus den Arbeitsplätzen? Woher kommt künftig die Energie? Wie werden die wüsten Landschaften genutzt?

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Pödelwitz in Sachsen. Knapp 30 Bewohner zählt das 700 Jahre alte Dorf, bis vor Kurzem waren es noch 130. Schon bald könnte niemand mehr in dem Ort leben. Denn nach den Plänen des  Braunkohlekonzerns MIBRAG soll der Tagebau Vereinigtes Schleenhain wachsen - und die Umsiedlung aller Pödelwitzer spätestens Ende 2018 abgeschlossen sein. Ihr Ort könnte einer der letzten sein, der der Braunkohle in Mitteldeutschland weichen muss.

Insgesamt haben bislang in der Lausitz und im Mitteldeutschen Braunkohlerevier mehr als 80.000 Menschen ihre Heimat wegen der Kohleförderung verloren. Das geht aus einer Auswertung hervor, die der MDR erstmals auf Grundlage von Daten des Leiters der Regionalen Planungsstelle Leipzig, Andreas Berkner, sowie des Archivs "Verschwundener Orte" erstellt hat.


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Ende 2017 zählte das Revier in der Lausitz 8.639 Beschäftigte. 1989 waren es noch 79.016. 

Im Revier Mitteldeutschland
waren Ende 2017 noch 2.367 Menschen beschäftigt. 1989 gab es hier 59.815 Arbeiter.

Diese Zahlen zeigen, dass der große Aderlass beim Abbau der Arbeitsplätze bereits in der Vergangenheit liegt.

Schaut man sich die Bundesländer an, so sind heute in Sachsen rund 3.250** und in Sachsen-Anhalt etwa 3.100*** Menschen in der Braunkohle beschäftigt. 

Hinzu kommen Arbeitsplätze, die mit der Energiegewinnung aus der Kohle indirekt verbunden sind. In Sachsen können das bis zu 6.000 sein. In Sachsen-Anhalt wird die Zahl auf rund 8.000 geschätzt.

Bundesweit sind rund 21.000 Menschen in der Braunkohle und deren Verstromung beschäftigt*.

*DEBRIV, Bundesverband Braunkohle
** Wirtschaftsministerium Sachsen
*** Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt







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Strom aus Braunkohle hatte 2017 bundesweit einen Anteil von gut 22 Prozent an der Brutto-Stromerzeugung*.

Bundesweit wurden etwa 147** Terawattstunden (TWh) aus Braunkohle erzeugt. In Sachsen waren es gut 32 TWh**, in Sachsen-Anhalt knapp 7** und in Brandenburg fast 33**.

Insgesamt wurden 2017 rund 156 Millionen Tonnen Braunkohle für die Strom- und Fernwärmeerzeugung eingesetzt. 57,5 Millionen Tonnen stammten aus dem Revier Lausitz und 17,5 aus dem Revier Mitteldeutschland.**

Das Mitteldeutsche Revier trägt übrigens knapp drei Prozent zur deutschen Stromerzeugung bei.***

*Bruttostrom bedeutet, dass auch die Energiemenge enthalten ist, die zum Beispiel Kraftwerke für den Betrieb brauchen.
** DEBRIV
*** Bundeswirtschaftsministerium 




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In Sachsen:
Von den 38,5 Millionen Tonnen Braunkohle, die 2016 in Sachsens Tagebauen gefördert wurden, wanderten fast 9 Millionen in den Export und rund 30 in Kraftwerke.

Es wurden 31,5 Terawattstunden Strom aus Braunkohle gewonnen. Das sind 75 Prozent der gesamten Stromerzeugung des Landes. Rund ein Drittel des in Sachsen erzeugten Stroms wird nicht im Land selbst verbraucht.*

Und auch in Sachsen-Anhalt:
In Sachsen-Anhalt sind 2016 insgesamt 6,5 Terawattstunden Strom aus Braunkohle erzeugt worden. Die Braunkohle deckte einen Anteil von 15 Prozent am gesamten Energieverbrauch ab. Zum Vergleich: Erneuerbare Energien trugen 19 Prozent bei, Mineralöl 32 und Erdgas 34 Prozent.**

Anders ist die Situation in Thüringen:
Die Braunkohle spielt in dem Bundesland keine große Rolle bei der Energieversorgung. Es gibt weder ein Kohlekraftwerk, noch wird Braunkohle gefördert. Der Anteil der Braunkohle am Energieverbrauch lag in Thüringen 2015 lediglich bei knapp zwei Prozent.


* Quelle: Wirtschaftsministerium Sachsen
** Quelle: Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt
*** Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz Thüringen



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Nach wie vor ist das Speichern von Strom eine technische Herausforderung. Außerdem warnen einige vor Kostensteigerungen, wenn anstatt der Braunkohle vermehrt Erdgas für die Stromgewinnung genutzt wird.

In Sachsen und Sachsen-Anhalt wird auch deshalb weiter an der Braunkohle als wesentlichem Bestandteil im Energiemix festgehalten.

"Die zentrale Aufgabe der mitteldeutschen Braunkohlekraftwerke besteht in der jederzeit bedarfsgerechten Versorgung mit sicherer, kalkulierbarer, importunabhängiger und wirtschaftlicher Elektroenergie für ganz Deutschland. In dieser Gesamtheit der Eigenschaften ist die Braunkohle derzeit von keinem anderen Energieträger zu ersetzen", erklärt dazu das Wirtschaftsministerium in Sachsen.

Die komplette Ablösung der Braunkohle durch Erneuerbare Energie ist dem Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt zufolge derzeit zwar theoretisch möglich, jedoch seien die Voraussetzungen wie Netzausbau und Speichertechnologien noch nicht gegeben.

Das Thüringer Umweltministerium ist da optimistischer: Das Bundesland will bis 2040 seinen Energiebedarf durch einen Mix aus Erneuerbaren Energien vollständig decken. Allerdings ist die Lage im Freistaat auch eine andere - es gibt keine direkte Energiegewinnung aus Braunkohle.


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In der Lausitz sind 2017 rund 61 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert und fast 388 Millionen Tonnen Abraum bewegt worden.*

Im Mitteldeutschen Revier sind 2017 rund 19 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert worden. Dafür wurden etwa 57 Millionen Tonnen Abraum bewegt.

Die geologischen Vorräte in den beiden Revieren betragen zusammen etwa 22 Milliarden Tonnen. Davon sind rund fünf wirtschaftlich gewinnbar.*

Würde also künftig genauso so schnell weitergebaggert wie 2017, wären die restlichen fünf Milliarden Tonnen Kohle erst in mehr als 60 Jahren aus den Böden in der Lausitz und in Mitteldeutschland geholt.

*Quelle: Statistik der Kohlenwirtschaft

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Braunkohle gilt als besonders klimaschädlich. Ihre Verstromung ist für rund ein Drittel der deutschen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.* 

Braunkohle-Kraftwerke stoßen mehr als ein Kilogramm CO2** pro erzeugter Kilowattstunde aus. Hinzu kommen Stickstoffoxide, Schwefeloxide, Quecksilber und andere Giftstoffe.

Wegen des Klimawandels empfahl das Umweltbundesamt Ende 2017 unter anderem, die Stromerzeugung alter Kohlekraftwerke zu begrenzen und die ältesten nacheinander stillzulegen. Ausdrücklich riet die Behörde davon ab, neue Tagebaue zu erschließen und bestehende zu erweitern. 

* Umweltorganisation BUND
** Öko-Institut

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Den bundesweit knapp 21.000 Beschäftigten in der Braunkohle stehen insgesamt 330.000 Menschen gegenüber, die im Bereich der Erneuerbaren Energien arbeiten (Stand 2015).

Zu den Bundesländern mit den meisten Beschäftigten in diesem Bereich zählt Sachsen-Anhalt. Dort arbeiteten für Erneuerbare Energien 2016 schon 24.850 Menschen. Zur Erinnerung: Direkt im Braunkohleabbau und in der Verstromung sind in dem Bundesland nur noch 3.100 Menschen beschäftigt.

Energie aus Wind, Sonne und Biomasse verdrängt den Anteil fossiler Brennstoffe im Energiemix zunehmend. Außerdem gilt Erdgas als klimafreundlichere Alternative zur Braunkohle.

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Um zukünftig mehr erneuerbare Energie nutzen zu können, muss Strom einfacher speicherbar sein. Gerade Mitteldeutschland ist Vorreiter auf diesem Gebiet. So ist in Halle 2018 der größte Wärme-Energiespeicher Deutschlands ans Netz gegangen.

Und der funktioniert so: Bislang war im Gaskraftwerk in Halle zur Stromherstellug Erdgas verbrannt worden. Die Restwärme wanderte ins Fernwärmenetz. Wurde hingegen kein Strom aus Gas erzeugt, weil er etwa aus Solaranlagen eingespeist wurde, wurde auch keine Wärme erzeugt. Wenn in Zukunft statt des Gaskraftwerks mehr erneuerbare Energiequellen Strom liefern, kann mit dem neuen Wärmespeicher überschüssige Energie als Wärme gespeichert werden.

Die Technologie rechnet sich derzeit allerdings noch nicht. Unter anderem ist sie stark von Zuschüssen abhängig. 

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Aus vielen geschlossenen Tagebaugruben sind inzwischen Seen geworden. Diese ziehen in Mitteldeutschland immer mehr Touristen an. So ist die Anzahl der Übernachtungen im Leipziger Neuseenland zwischen 2012 und 2017 um 80.000 auf insgesamt rund 700.000 gestiegen.* Im Lausitzer Seenland wuchs die Zahl der Übernachtungen in den fünf Jahren um fast 30 Prozent auf rund 750.000.** 

Statistisch gesehen können zum Beispiel im Neuseenland mittlerweile mehr als 4.300 Personen vom Tourismus leben. Vor fünf Jahren waren es noch rund 500 weniger.

Allerdings sind dem touristischen Wachstum in den  Braunkohlefolgelandschaften auch Grenzen gesetzt. Flächensperrungen, bedingt durch die Bergbausanierung, hemmen private Investitionen in die weitere touristische Entwicklung der Region. Zum anderen geht die Flutung der Seen langsamer voran als geplant. 

*Tourismusverein Neuseenland
**Lausitzer Tourismusverband






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Im Mitteldeutschen Revier und in der Lausitz gibt es aktuell rund 11.000 direkt Beschäftigte in der Braunkohleförderung und -verstromung. Zweimal so viele kommen noch als indirekt Beschäftigte hinzu.

Wie geht es mit diesen Arbeitsplätzen nach einem möglichen Braunkohleausstieg weiter? Um diese Frage zu klären, ist Anfang Oktober für das Mitteldeutsche Fördergebiet das
Projekt "Innovation im Revier“ in Leipzig gestartet.

Bis Ende 2020 sollen Konzepte und Studien vorliegen, wie der Strukturwandel in den Braunkohlegebieten aussehen könnte und in welche Industrien es sich lohnt, zu investieren. 

Dabei könnte es zukünftig um innovative Speichertechnologien oder die Produktion von Batterien und Brennstoffzellen gehen. Im Fokus sollen aber auch Infrastrukturprojekte stehen, wie der Nahverkehr oder die Breitbandversorgung.

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Pödelwitz in Sachsen. Knapp 30 Bewohner zählt das 700 Jahre alte Dorf noch, bis vor kurzem waren es noch 130.

Doch eigentlich sollte niemand mehr in dem Ort leben: Die Umsiedlung aller Bewohner des Dorfes sollte laut Braunkohlekonzern MIBRAG spätestens 2018 abgeschlossen sein.

Pödelwitz liegt inmitten des Mitteldeutschen Braunkohlereviers, am Rande des Tagebaus "Vereinigtes Schleenhain". Unter dem Grund des Dörfchens schlummern XYZ ... Braunkohle.

Pördelwitz könnte eines der letzten Dörfer sein, dem in der Region der Abbruch droht.

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